Die Kunst allein zu reisen

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Die Community allein reisender Menschen wächst zunehmend. Von der Sehnsucht, allein aufzubrechen erzählen mir viele Menschen und doch fehlt ihnen dafür oft der Mut. Alleinreisen stärkt das Selbstvertrauen und ist die beste Möglichkeit, abseits alltäglicher Rollen, sich selbst neu zu begegnen. Alleinreisen ist eine Kunst und ich möchte diese Kunst vom Verdacht des Notgedrungenen befreien.

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Der Weg zur Soloreisenden

Die erste Idee wie Freiheit sich anfühlen könnte,  bekam ich vor 15 Jahren, als ich allein auf den französischen Jakobsweg aufbrach. Die Erfahrung des Solopilgerns war wohl die beste in meinem Leben und unzählige Sologänge und Soloreisen folgten. Manche Menschen in meiner Umgebung können meine Alleingänge schwer nachvollziehen und erklären sich diese damit, dass mir, als alleinstehenden Frau wohl keine andere Wahl bleibt. Eine simple Erklärung, die das eigene Weltbild wieder gerade gerückt. Dieses Weltbild möchte ich mit diesem Blog etwas ver-rücken.

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Allein reisen als Einladung, sich selbst zu begegnen

Ist man allein unterwegs, lauert dafür an jeder Ecke eine neue Gelegenheit. Ich bin, wenn ich allein unterwegs bin, hellwach und frage mich auch immer wieder, wie es mir geht und was ich brauche. Mein Gehirn ist hochaktiv und bereit, sich jeder Situation neu anzupassen. Informationen werden bewusst verarbeitet und gespeichert. Es ist ein unglaublich starkes Gefühl des Lebendigseins aber auch sehr ermüdend. Das heißt, dass ich gut auf mich achte und genau schaue, was meine Bedürfnisse sind.

 

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Das Selbstvertrauen steigt

Die täglichen Herausforderungen müssen allein gemeistert werden, was Entscheidungsstärke erfordert. Es gibt Situationen, die mich meine ursprünglichen Pläne überdenken lassen und mich aus meinen gewohnten Verhaltensmustern herausholen. Wichtig dabei ist in sich gut hineinspüren zu können, um zu erkennen, was ich IN DEM MOMENT wirklich brauche. Eine gute Übung für den Alltag. Darüber hinaus ist der kundige Umgang mit dem Smartphone sehr hilfreich. Wo finde ich einen schönen Campingplatz, wo gibt es die nächste offene Autowerkstatt, Supermarkt, Restaurant, Arzt und so weiter.

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Alleinsein heißt noch lange nicht einsam sein

Natürlich fühle ich mich auf einer Soloreise hin und wieder einsam. Vor allem dann, wenn ich einen anstrengenden Tag hatte und abends müde und allein in meinem Camper oder im Zimmer sitze. Das ist völlig normal. Doch allein reisen heißt per se nicht, einsam zu sein. Alleinsein ist der neutrale Umstand, dass niemand neben einem ist. Einsamkeit hingegen ist ein anderes, ein unangenehmes Gefühl, das sowohl beim Alleinreisen, wie auch in der Umgebung anderer Menschen auftreten kann. Fühle ich mich auf Soloreisen einsam, weiß ich wer mir fehlt und das sind geliebte Menschen, die ich jederzeit anrufen kann. Einsamkeit kann das Gefühl der Verbindung zu geliebten Menschen bewusst machen und stärken. Meist ist am nächsten Morgen die Einsamkeit wie weggeblasen und ein neuer Tag wartet mit neuen Abenteuern.

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Abseits aller Rollen

Im Alltag passt man sich gerne den Erwartungen anderer an und die Gefahr, sich von sich selbst zu entfremden, steigt. In der Fremde begegne ich Fremden und kann authentisch sein, denn diese Fremden haben mich noch nicht in ihre persönliche „Schublade“ gesteckt und begegnen mir frei und ohne Vorurteile. Ich sehe mich mit den Augen des Gegenübers und entdecke mich neu. Das stärkt das Bewusstsein für einen selbst und ermutigt darüber hinaus, auch daheim mehr von sich selbst zu zeigen.

 

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Reisen bildet

Kein dahingesagter Satz, sondern Auftrag an mich. Wenn ich ein Land bereise, mache ich mich im Vorfeld über Kunst und Kultur des Landes kundig. Bepackt mit den entsprechenden Büchern und ausgewählten Musikstücken auf meiner Playlist, breche ich auf und tauche ganz in die Seele eines Landes ein. Es ist Reisen im doppelten Sinn. Die äußere Landschaft wird mit allen Sinnen wahrgenommen, Kunst, Musik und die Worte der Dichter berühren meine innere Landschaft. 

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Raum für Spontanität

Das Alleinreisen räumt der Spontanität ein breites Feld ein. Am Morgen wird die Landkarte aufgefaltet und ein grobes Ziel festgelegt. Während der Fahrt laden plötzlich Wegweiser zu neuen Zielen ein und spontan, dem Gefühl folgend, wird abgebogen. Das hat mir schon großartige Plätze offenbart und neue Erfahrungen beschert.

Pusta

Allein speisen, kein Problem

Das allein speisen war am Anfang meiner Soloreisen eine Herausforderung. Heute betrete ich selbstbewusst ein Restaurant und lasse mir einen Tisch zuweisen. Immer habe ich ein Buch dabei, um zwischen den Gängen darin zu lesen. Das Handy ist tabu, viel lieber beobachte ich das Treiben um mich herum und zuweilen ergibt sich das eine oder andere Gespräch mit anderen Gästen. 

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Genießen statt hetzen

Bei einem Campari spritz in einer Bar auf der Piazza zu sitzen, Ansichtskarten zu schreiben und das Treiben um mich herum zu beobachten, sind für mich Höhepunkte jedes Reisetages. Ich muss nicht jede Sehenswürdigkeit abklopfen und stundenlang dafür anstehen. Vielmehr suche ich ein Leben in Echtzeit und das finde ich nur, wenn ich innehalte, lausche und aufmerksam hinschaue.

Inge Strand

Nebenwirkungen des Alleinreisens

Die Lust, allein zu verreisen hat den Wunsch verstärkt, mich mit Menschen, denen ich begegne zu unterhalten. Das wiederum hat den Nebeneffekt, dass ich meine Sprachkenntnisse in Englisch und Italienisch permanent erweitere. Immer wieder entwickeln sich spontane Gespräche und schöne Begegnungen. Die Motivation,  einen Grundwortschatz der Sprache des jeweiligen Landes zu erlernen, ist groß. Jedenfalls bei mir.

 

Und sollte eine lieber Mensch sich entschließen, mir für einige Tage nachzufolgen, dann ist er oder sie mit offenen Armen willkommen.

 

Über die Autorin
Ingeborg Berta Hofbauer ist eine begeisterte Reisende und Entdeckerin von neuen Orten und ihren Menschen. Deren Geschichten dahinter faszinieren sie und inspirieren sie zu ihren Büchern und Blogs. Sie reist vorwiegend mit ihrem Camper und der Bahn und verzichtet weitgehend auf Flugreisen.

Ingeborg B. Hofbauer

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