Warum in die Ferne schweifen...

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Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber mich lässt die Thematik „Klimawandel“ und die damit verbundene Erderwärmung nicht kalt. Als begeisterte Reisende, gerate ich immer mehr in einen inneren Gewissenskonflikt, angesichts des herrschenden Chaos‘ auf Straßen, Flughäfen, Urlaubsdestinationen und dem damit einhergehenden CO2 Ausstoß.

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Mit dem Flugzeug tausende Kilometer zu reisen, um dort Pilgerwege zu gehen, fühlt sich für mich inzwischen falsch an.

Dennoch zieht es mich raus. Die Sehnsucht nach der Freiheit des Reisens und des Pilgerns ist so stark, dass es nur eine Frage der Entscheidung ist, die Zeit für An- und Rückreisen mit der Bahn einzuplanen oder Flugreisen mit CO2 Zertifikaten zu kompensieren. Mehr darüber: atmosfair.de 

Die Sehnsucht nach Freiheit

Für mich heißt Freiheit, aufbrechen zu können, wenn die Sehnsucht mich packt. Den Rucksack zu nehmen und loszuziehen, um dem Unerwarteten die Möglichkeit zu geben, mir zu begegnen.

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Dem Unerwarteten begegnen

Ein unbändiger Wunsch, einfach loszumarschieren, überfällt mich am Morgen vor einigen Tagen. Der Blick auf den Kalender bremst jedoch meine Euphorie, denn am Nachmittag ist ein Termin bei meinem Friseur in Anger eingetragen. Wie kann ich den Wunsch, zu einer Wanderung aufzubrechen, mit dem Wunsch mich verschönern zu lassen vereinbaren? Ganz einfach, indem ich das eine mit dem anderen verbinde. "Na dann, auf in die Freiheit, auf nach Anger per pedes, auf zu meinem Figaro". Schon nach den ersten Metern nehme ich den Unterschied zwischen, schnell mal eine Runde spazierengehen und dem Unterwegsein zu einem bestimmten Ziel, deutlich wahr.

Gehen allein, schärft die Wahrnehmung

Auf dem Weg nach Birkfeld, komme ich an dem verfallenen und seit Jahren verlassenen Bauernhof, der von Gestrüpp überwuchert ist und als Abstellplatz für alte Autos und Baugerät missbraucht wird, vorbei. Auf früheren Spaziergängen und innerlich programmiert auf das "Saubere" und das "Ordentliche", hatte mich dieser Anblick immer maßlos geärgert. "Wie kann man einen so schönen Platz einfach so verwahrlosen lassen?" fragte ich mich jedes Mal. Diesmal bekomme ich plötzlich eine andere Sichtweise darauf: "Wo gibt es in unserer perfekten und aufgeräumten Welt noch solche Orte?" Verwildert und verwahrlost, steht er an einem der schönsten Plätze meiner Heimat. Ein Affront oder eine Aufforderung?

Beim Gehen werde ich zur Philosophin

Die reifen Früchte fallen bereits von den uralten Bäumen und niemand erntet sie. Welch ein Überfluss und Verschwendung. Oder eher Fülle und wertvolle Nahrung für Vögel und Waldtiere? Das beinahe zusammen gefallene Bauernhaus, einst ein wunderschöner oststeirischer Mischbau aus Stein und Holz, ist überwuchert von Indischem Springkraut, Brombeerhecken und anderen wilden Stauden. Ein ungestörtes Paradies für Schlangen, Kröten, Insekten, Bienen und anderes Kleingetier. Die Veränderung meiner Sichtweise, verwandelt diesen Ort in einen wilden Garten Eden. Ein krasser Gegensatz zu den „gepflegten“ Wohnhäusern und deren Gärten, unweit von hier, wo jegliches tierisches Gefleuch und wildwachsende Gräser von Rasenrobotern vernichtet werden.

Vielleicht sollte man dies öfters tun. Die Sichtweise auf etwas verändern.

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Es geht weiter auf dem Radweg R8 nach Birkfeld. Ich betrachte im Vorübergehen zwei Bildstöcke. Tausende Male bin ich mit dem Auto hier vorbeigefahren und habe sie noch nie näher angeschaut. Für ein Getränk kehre ich kurz im Cafe,‘ neben dem Supermarkt ein. Gleichzeitig mit mir, nehmen "Mariazellpilgerinnen" am Nebentisch Platz. Sofort werden die Mobiltelefone gezückt.

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Wie hier, beobachte ich auch bei meinen vielen Pilgerwanderungen, dass selbst die Pilgerinnen und Pilger sich kaum mehr miteinander unterhalten, sondern vorwiegend mit dem Handy beschäftigt sind. Sie kommunizieren mit Nichtanwesenden, posten Selfies und sind eher in den sozialen Netzwerken als auf dem Weg. Dem „GG“ Gott Google wird es schon gefallen denke ich.

Der Weg ab Birkfeld wird spannend

Zu Hause habe ich eine alte Wanderkarte gefunden, auf der ein Weg, entlang der Schmalspurbahn eingezeichnet ist. Eine Freundin, der ich beim Weitergehen davon berichte, fragt mich skeptisch: „Ein Weg dort entlang?“ Ich bin zuversichtlich, weil ich weiß, dass entlang dieser alten Eisenbahnlinien, meist auch ein entlangführender Weg gebaut wurde. Flotten Schrittes marschiere ich zum Bahnhof Birkfeld.

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Zum zweiten Mal an diesem Tag treffe ich auf Verwahrlosung und Verlassenheit.

Ich frage mich: "Gibt es das Thema Verlassenheit noch in meinem Leben? Gibt es etwas, das ich verwahrlosen lasse? Träume, Wünsche, Ideen?"

Solche Orte wie dieser, faszinieren mich. Wo man sich plötzlich in einer anderen Zeit wiederfindet. Alte Schienenstränge, verrostet und zum Teil zugewachsen. Darauf stehen alte Waggons, die an die lustigen Zeiten erinnern, in denen der Bummelzug noch mehrmals die Woche laut pfeifend durch das Feistritztal dampfte. Heute fährt er nur mehr eine kurze Strecke am Samstag. Wer weiß wie lange noch. Das historisch interessante Bahnhofsgebäude, erbaut wenige Jahre vor dem ersten Weltkrieg, liegt im Dornröschenschlaf, ebenso die alten Werkstätten. Mir fällt ein, dass der große Dichter unserer Heimat, Peter Rosegger, des öfteren mit der Feistritztalbahn fuhr. Vor mir steht meine alte „Freundin Emma“, die eiserne Dampflock aus Bosnien, daneben die alte Diesellock.

Ein sentimentaler Moment

Meine Mutter ist im Jahr 1946, als junge Frau mit dem Zug von Gleisdorf, über Weiz nach Birkfeld und weiter nach Waisenegg gefahren, um ihren ersten Dienst als Lehrerin, an der hiesigen Volksschule anzutreten. Etwas ängstlich, unsicher aber hoffnungsvoll war sie damals, wie sie oft erzählt. Sie verliebte sich und ist bis heute geblieben. Drei Generationen Waiseneggerinnen und Waisenegger, war sie eine geachtete und geliebte Lehrerin. 93jährig erzählt sie uns Kindern oft von diesen ersten Jahren. Damals, nach dem Krieg.

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Es ist still am Bahnhofsgelände. Ich durchquere es andächtig, nach dem "mysteriösen" Weg Ausschau haltend. Leider kann ich ihn nicht finden. "Auch gut" denke ich, "dann eben auf den Geleisen weiter."

Ein paar Gehminuten später, befinde ich mich in einer fremden und völlig anderen Umgebung. Rechts von mir eine verwitterte, grün bemooste Böschungsmauer und links fällt der Wald steil zur Feistritz ab. Genausogut könnte ich irgendwo in Sibirien, Peru oder Chile unterwegs sein. "Wozu in die Ferne schweifen?"

Nach ungefähr einem Kilometer, kreuzt ein Zufahrtsweg die Bahntrasse. Rechts weiter oben, führt unterhalb eines braunen Hauses vorbei, ein Weg direkt in den Wald. „Den probiere ich jetzt“, entscheide ich spontan und verlasse die Bahnstrecke. Tatsächlich geht der Weg im Wald weiter. "Es ist der alte Bahnweg", davon bin ich überzeugt. Begeistert folge ich ihm. Manche Abschnitte sind vollkommen zugewachsen und ich muss meine Wanderstöcke zur Machete umfunktionieren. Zwischendurch geht es auf dem weichen Waldweg gut voran, der von bizzaren Felsen zu meiner Linken gesäumt wird. Zu meiner Rechten begleitet mich, einmal näher, einmal weiter weg, die Bahntrasse. Die, vom Gestrüpp zugewachsenen Wegabschnitte überwiegen und ich habe ganz schön mit den Brennesseln zu kämpfen, die an meinen nackten Wadeln lecken.

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Geheimnisvoll, versteckt und unheimlich mystisch

Wie aus dem Nichts taucht eine alte Hütte auf. Archetypische Muster werden in mir aktiv. Märchen und Mythen von geheimnisumwitterten Bewohnern im Wald und deren Zauberkräfte, schleichen sich in meine Gedanken. Ja, es ist zauberhaft und ein wenig unheimlich an diesem Ort. Wer weiß, vielleicht beobachten mich Waldgeister und Trolle. Trotz dieser Gedanken fürchte ich mich nicht. Im Wald fühle ich mich immer sicher und geborgen. Als ich wieder ganz nah an die Trasse herankomme, überlege ich kurz hinunterzusteigen, um den Weg dort fortzusetzen.

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Die Abenteuerin in mir will weitergehen

"Wenn ich diesen Weg schon einmal (wieder)entdeckt habe, will ich wissen, wie er weitergeht", flüstert sie mir zu. Auch im Leben entdecken wir immer wieder neue Wege und haben dann oft nicht den Mut, ihnen zu folgen. Weil die Bequemlichkeit unserer Komfortzone stärker ist, als der Ruf des Abenteuers.

Diese Wanderung hat mir gezeigt, wie aus einem "Alltag" plötzlich ein "Anderstag" werden kann, wenn man etwas tut, was außerhalb der alltäglichen Routine ist.

Irgendwann erreiche ich die Straße und verlasse "meinen" Weg. Entspannt setze ich meine Wanderung auf dem Radweg R8, entlang des Flusses Feistritz, bis nach Anger fort. Nach einem herrlichen Schwammerlgulasch mit Semmelknödel und einem Bier, suche ich meinen Friseur auf.

Diese Wanderung allein, beginnend vor meiner Haustüre, hatte wieder einige Geschenke für mich bereit: Begegnungen, Abenteuer, Überraschungen und Wunder. Freiheit braucht nicht die Ferne ist mir klargeworden. Es geht um die Bereitschaft, sich auf das Nahe achtsam und bewusst einzulassen.

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Über die Autorin:
"Mit Rucksackgeschichten mutig aufbrechen und zur inneren Freiheit pilgern."Ingeborg Berta Hofbauer

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