Pilgern in Portugal. Dem Land, wo die Sehnsucht zu Hause ist

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Sehnsucht, Lebensfreude und Trauer. All dies vereinigt der Fado, die Musik Portugals. Dieses Lebensgefühl der Portugiesen, kann man bei einer Wanderung, entlang der Rota Vicentina im Südwesten Portugals nachspüren.

Beim Schreiben dieses Artikels höre ich die Musik der Fado-Ikone Amalie Rodrigues, die in Portugal wie eine Heilige verehrt wird.  

Ich suche meine Pilgerwege nicht, sie kommen zu mir. So auch die Rota Vicentina, ein Netz von Wanderwegen im Südwesten Portugals. Der Fischerpfad führt über 120 km in 5 Etappen entlang der Küste, der Historische Weg über 230 km in 12 Etappen durch das Landesinnere. Mein Neffe Jakob Kajetan, ging diesen Weg schon des Öfteren und schwärmte davon, bei einem der ganz seltenen Treffen. So hatte mich auch dieser Weitwanderweg gefunden und der Vater meines Neffen, mein Bruder Peter, begleitete mich.

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Der Historische Weg wurde 2016 von der Europäischen Weitwandervereinigung zum Leading Quality Trial – Best of Europe ausgezeichnet und darf sich seither zum exklusiven Kreis der besten Weitwanderwege Europas zählen.

Ein Auszug aus der Philosophie des Vereins der Rota Vicentina

„Mit dem Bewusstsein, dass es sich bei dieser Region um eines der letzten und gefährdeten Wildgebiete der südeuropäischen Küste handelt, sind Unternehmer, Institutionen und Bevölkerung fest entschlossen, ihre Einzigartigkeit zu erhalten und sich dafür auch einzusetzen. Es motiviert, zu einer Entwicklung beizutragen, die sich an den naturgegebenen und kulturellen Werten orientiert. Eine solche Entwicklung sichert den ganzjährigen Betrieb kleiner lokaler Geschäfte und öffnet Menschen aus aller Welt den Zugang zu einer lebendigen, ursprünglichen Lebensform mit ausgeprägtem Charakter.“

Schlagzeilen einer abenteuerlichen Anreise

Flug: Wien-Lissabon mit TAP Airlines. Weiterfahrt am selben Tag mit dem öffentlichen Bus von Lissabon nach Porto Covo

  1. Tag: Porto Covo nach Cercal do Alentejo 18 km
  2. Tag: Cercal do Alentejo nach S.Luis 21 km
  3. Tag: S. Luis nach Odemira 25 km
  4. Tag: Odemira nach S. Teotonio 19 km
  5. Tag: S. Teotonio nach Odeceixe 17 km


Wir landeten mit großer Verspätung in Lissabon-Airport und nachdem wir die Schlange am Taxistand vor der Ankunftshalle gesehen hatten, wurde uns klar: „Das schaffen wir nie, rechtzeitig zum Anschlussbus nach Porto Covo zu kommen.“ Ein Tipp von Jakob kam uns zu Hilfe. Wir schummelten uns durch das Flughafengebäude zur Abflughalle durch und schnappten uns das erste ankommende Taxi. Der Taxifahrer erfasste unsere Lage sofort und raste mit einem Höllentempo durch die Stadt. Rushhour! Aber gerade das schien ihm einen Mordsspaß zu machen, denn er überschritt jede Geschwindigkeitsbegrenzung und hupte sich durch. Wir schafften es rechtzeitig, kurz vor der Abfahrt des letzten Busses. Es folgten entspannende drei Stunden Fahrt nach Porto Covo, wo wir um 22 Uhr im Hostal Ahoy einlangten. Den Besitzer mussten wir erst in einem Lokal aufstöbern und das lehrte uns die erste Übung in Gelassenheit. Nicolau begrüsste uns mit einem strahlenden Lächeln und einem entwaffnenden „No Stress“.

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Guten Morgen oder wie es auf Portugiesisch heißt „Bom dia“. Gemütlich frühstückten wir am ersten Morgen unserer Trekkingtour in einem Cafe‘. Der Espresso kostete 90 Cent und dieser erfreuliche Umstand an niedrigen Preisen, begleitete uns in den nächsten fünf Tagen. Im Vorfeld habe ich ein paar Höflichkeitsfloskeln auf Portugiesisch gelernt. Diese, zusammen mit meinen ganz guten Italienischkenntnissen, brachten eine einigermaßen gelungene Konversation mit den Einheimischen zustande. Ich liebe es, auf meinen Reisen, mit den Menschen zu kommunizieren, auch wenn es noch so holprig ist.

Die ersten fünf Kilometer wanderten wir auf dem Fischerpfad, entlang der Atlantikküste. Die Sonne und der Wind, die Meeresbrandung, die Flora und die bizarren Ausformungen der Küste, das Geschrei der Möwen und der Duft der Kräuter verschlug uns schlicht und ergreifend die Sprache.  Bei einem Kastell, drehten wir dem Atlantik und dem Fischerpfad den Rücken zu, um auf dem Historischen Weg zu wechseln und weiterzuwandern. Zum Abschied vom Atlantik genehmigten wir uns noch ein Glas Weißwein auf der Terrasse der einzigen Strandbar. Überhaupt hatte es uns der Portugiesische Weißwein angetan. Dieser, meist aus Plastikflaschen ausgeschenkt, war überraschend frisch und leicht.

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Die urige Landschaft wird hauptsächlich für Schaf- und Ziegenherden genutzt. Orangenbäume trugen schon schwer an den bereits überreifen Orangen. Eine schöne Bereicherung unseres Picknicks, das wir täglich in herrlich einsamer Natur einnahmen. Das Picknick und ein paar Minuten Meditation waren unser tägliches Ritual bei dieser Wanderung. Nur die Geräusche der Natur, wie der Wind, die Insekten und hie und da das Blöcken der Schafe unterbrachen die Stille. Tief beeindruckten uns die majestätischen Korkeichen. Diese alten, dunklen Bäume verbreiteten eine besondere Art von Atmosphäre. Die Wiesen dufteten nach Waldmeister, die Orangenhaine, ein Kamelienbaum. Einfach schön diese Vielfalt des Landstriches namens Alentejo.

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Abwechslungsreich war unsere Wanderun. Über Hochebenen, von denen wir das Meer erblicken konnten, in Tälern, an Flüssen und Bächen entlang, die wir immer wieder durchqueren mussten. Bei Hochwasser könnte dies durchaus gefährlich werden. Doch wir hatten Glück, das Wasser war seicht. Jeder Tag hielt  eine andere schöne landschaftliche Überraschung für uns bereit. Es begegneten uns kaum Menschen, einzig das Zwitschern der Vögel begleiteten uns und ab- und zu sahen wir verfallene Anwesen, verlassene kleine Dörfer und immer wieder Ziegen- und Schafherden. Die Architektur der Ortschaften präsentierte sich aus schmalen, niedrigen, eng aneinandergebauten Häusern, die alle gut renoviert aussahen. Die einzige Hauptstraße führte in die Ortsmitte mit der Kirche, kleinen Geschäften und Bars.

Betroffen machten uns die Wegstrecken durch Eukalyptuswälder.

Wo ein Eukalyptuswald ist, da ist alles tot. In einem Eukalyptuswald wächst nichts anderes mehr und man spürt keinerlei Leben. Diese raschwachsenden Bäume wurden einst in großem Maße für die Papierindustrie gepflanzt. Jetzt stellen sie eine riesige Bedrohung dar, weil sie, wenn sie Feuer fangen, eine unglaubliche Gefahr sind, da sie wie Zunder brennen. Jährlich gibt es in Portugal Großbrände, denen auch Menschen und Dörfer zum Opfer fallen. Deshalb werden derzeit viele Eukalyptuswaldflächen gerodet. LKW‘s, Bagger und anderes schweres Gerät hinterlassen ein Bild der Verwüstung wie nach einem Bombenangriff. Wir überquerten gerodete Hügel, wo die Landschaft eine einzige offene Wunde war. Dieses Beispiel zeigt die verheerende Auswirkung des Handelns weniger Großkapitalisten und ihrer nie enden wollenden Geldgier.

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Unsere Quartiere hatten wir im Voraus über Booking.com gebucht. Ebenso kann man über die Homepage der Rota Vicentina, Quartiere vorreservieren. So früh im Jahr kann es sein, dass man zu den ersten Gästen gehört, was mit sich bringt, dass die Quartiere kalt und feucht sein können. Unsere waren es ausnahmslos. Die Lösung ist ganz einfach: Abwechselnd heizen und lüften. Sich erwärmende Luft, nimmt eine große Menge Flüssigkeit auf, die dann über das Stoßlüften abtransportiert wird. Also hieß es, wollten wir nicht in kaltfeuchten Betten schlafen, diese sofort bei der Ankunft abdecken und aus allen Rohren heizen (mit der Klimaanlage und mitunter auch mit Föhn) und abwechselnd stoßlüften. Nach einer Stunde waren die Zimmer und die Bettwäsche einigermaßen trocken.  Das beste Quartier und ein üppiges Frühstücksbuffet fanden wir in S. Luis, zwei Kilometer außerhalb des Ortes vor. Ein Wegweiser zeigt Monte Pedras an. 

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Die Städtchen Odemira und Odeceixe sind die Höhepunkte der Wanderung. In Odemira befindet sich das Büro der Rota Vicentina und hat neben einer bezaubernden Innenstadt auch großartige Gastronomie zu bieten. Das Hostal WOW Alentejo im Stadtzentrum von Odemira ist das ideale Quartier für Wanderer. Liebevoll eingerichtet und sehr zweckmäßig ausgestattet. Mit Küche, Waschmaschine und Wäschetrockner.

Der letzte Tag führte uns wieder durch abwechslungsreiche Landschaften nach Odeceixe. Hier treffen der Fischerweg und der Historische Weg wieder zusammen. Wanderer aus allen Teilen Europas, vor allem junge Menschen, kommen hier an. Odeceixe ist ein lebendiges, weltoffenes und fröhliches Städtchen und besitzt wohl einen der schönsten Strände Europas.

Tipps:

  • Wanderer, die auf dem Fischerpfad hierherkommen, können über den Historischen Weg zurück nach Porto Covo wandern.
  • Von Odeceixe führt täglich ein Direktbus zurück nach Lissabon.
  • Offizielle Webseite der Rota Vicentina

Über die Autorin:
"Mit Rucksackgeschichten mutig aufbrechen und zur inneren Freiheit pilgern."Ingeborg Berta Hofbauer


Über die Autorin:
"Mit Rucksackgeschichten mutig aufbrechen und zur inneren Freiheit pilgern."Ingeborg Berta Hofbauer

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