Durch den Karst nach Triest - Auf den Spuren der Urahninnen

Karstbahn

Woher kommen wir, wer sind wir, wohin gehen wir? Entlang dieser Fragen, pilgerten meine Cousine Maria Luise und ich, auf den Spuren unserer Urahninnen durch den Karst ans Meer. Uns offenbarte sich der Karst von seiner sanften Seite. Wir waren berührt von der Stille, von der herbstlichen Farbenpracht und nicht zuletzt von den Menschen, die uns mit offenem Herzen begegneten. Der Karst - bist du ihm einmal verfallen, lässt er dich nicht mehr los.

Urahnin
Wir schreiben das Jahr 1884.

Ernestine, eine 20jährige Slowenin, macht sich auf, um in die Steiermark zu wandern. Beim Bahnbau im Gesäuse werden Arbeiter und Köchinnen gesucht. Ihre Chance, aus bitterer Abhängigkeit und Armut zu entkommen, in der sie sich, seit ihrer Geburt, als Ziehkind befindet. Ihre Mutter Ursula, wanderte 21 Jahre zuvor von Bischoflack, heute Skofja Loka, nach Triest, um im Arsenal der K & K Beamtenschaft, als Dienstmagd Arbeit zu finden. Wie viele andere junge Frauen damals, wurde sie schwanger ohne Ehemann. Ihr Kind, die kleine Ernestine, konnte sie nicht behalten und ließ es im Krankenhaus als Findelkind zurück. Der Vater, unser Ururgroßvater ist unbekannt. Und doch sind auch seine Gene in uns, so wie die Gene unserer Urahninnen.

135 Jahre später.

Mitte Oktober 2019 machen sich meine Cousine Maria Luise und ich uns auf, um den Spuren unserer Ahninnen zu folgen und jene Gegend zu durchwandern, in der sie aufgewachsen sind. Eine Pilgerwanderung von Branik nach Triest, durch den schönsten Teil des Karst‘. Unsere Pilgerwanderung beginnt aber schon vorher: Am Friedhof von St. Margarethen an der Raab, am Grab unserer Urgroßmutter Ernestine, wo wir ein Kerzerl anzünden und still um Schutz und Segen für unsere Wanderung bitten.

Danach geht es mit dem Auto nach Nova Gorica, um von dort am nächsten Tag, mit dem Zug zu unserem Ausgangspunkt weiterzufahren. In fünf Tagen werden wir, wenn alles gut geht, mit dem Zug von Triest hierher zurückkehren. Unsere Quartiere hatten wir vorgebucht, denn um diese Jahreszeit ist es nicht leicht, etwas zu finden. Am Vorabend unserer Wanderung, stimmen wir uns im Gostisce Kekec, eine Gostilna mit einem Prachtausblick auf die Stadt, bei Pasta mit Trüffel, Rotwein und den besten Palatschinken, die wir jemals zuvor gegessen hatten, ein. Ein Vorgeschmack auf das, was uns kulinarisch in den nächsten Tagen erwarten wird. 

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Aufbruch: Der erste Tag

Um 8,45 Uhr sitzen wir bereits in der Karstbahn, die uns zu unserem Ausgangspunkt in Branik fährt. Eine Fahrt mit der Wocheinerbahn, von Jesenice nach Triest, ist ein besonderes Erlebnis, das ich mir schon einige Male zuvor gönnte. Der Zug fährt durch die reizvolle Landschaft Sloweniens, über Schluchten, überwindet Höhen, durchquert dunkle Tunnels und überquert malerische Äquadukte. Ab Nova Gorica wird sie Karstbahn genannt und hält auch in Stanjel, dem schönsten Dorf Sloweniens. Ausgerüstet sind wir mit einer Wegbeschreibung aus dem Buch „Das Weite suchen“, die allerdings schon fast 10 Jahre alt ist. Ebenso ist eine Wanderkarte und mein Wandernavigationsapp von Komoot im Gepäck. Was kann da schon danebengehen, im wahrsten Sinne des Wortes?

Das Wetter in diesen drei Tagen ist traumhaft. Warm, vielleicht sogar etwas zu warm. Strahlend blauer Himmel und die Natur zeigt sich, als hätte ein Maler seine Farbtöpfe über die Landschaft geschüttet.

Der Karst

Ein besonderes Phänomen. Der slowenische "Kras" bezeichnet eine spannende und vielfältige Landschaft, bewachsen mit den unterschiedlichsten Hölzern und Sträuchern. Es dominieren Wacholder und Schwarzkiefern. Der Dichter Scipio Slapater beschreibt den Karst als „versteinerten Schrei“ und Peter Handke erfährt ihn, in seinem Buch „Die Wiederholung“, als Verwandlung. Wer einmal dort war, verfällt ihm oder kommt niemals wieder. Es mutet fast an, als sei der Karst keine Landschaft, sondern ein Zustand. Auch auf uns Pilgerinnen hat er eine besondere Wirkung.

Schafzucht und Abholzung verwandelten einst den Karst in eine karge, steinige und ausgeschwemmte Landschaft. Darunter befindet sich eine geheimnisumwitterte Unterwelt. Die Einheimischen sagen, dass unter der Erdoberfläche ein riesiger Emmentaler Käse mit tausenden Löchern ist. Die bekannteste dieser Tropftsteinhöhlen ist die Adelsberger Grotte. Dem österreichischen Erfinder und Forstbeamten Joseph Ressel ist es zu verdanken, dass mit Ende des 19. Jahrhunderts ein Wiederaufforstungsprogramm mit Schwarzkiefern begann. Die Vegetation kehrte zurück, der Humus sammelte sich in den Dolinen und somit wurde Wein- und Gemüseanbau möglich. Heute wandert man durch eine grüne, dichtbewachsene Vegetation. Besonders der kräftige Teran, dem man heilende Kräfte zuschreibt, wie auch der Merlot und der Malvasier werden hier angebaut.

Nicht nur die Landschaft prägte die Menschen, sondern auch ihre Geschichte. Über Jahrhunderte wechselten sich in ihrer Herrschaft die Griechen, die Römer, die Venezianer, Napoleon und die Habsburger ab. Die Menschen in dieser Region erduldeten die Repressalien der Deutschen Wehrmacht, der Partisanen, der Italiener, wurden in das Jugoslawien Titos eingegliedert und sind heute in der Europäischen Union angekommen. Unsere Urahninnen lebten in der Zeit der Habsburger, was mich wieder zu unserer Wanderung zurückbringt.

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Der zweite Tag

In Branik befindet sich die größte und älteste Burg des Küstenlandes, aus dem 12. Jahrhundert. Unsere Wanderung führt, entlang der Hänge des Vipava-Tales, das bekannt für den Weinanbau ist. Die Lese ist schon vorbei. Zwischen Weinstöcken in ihrem bunten Blätterkleid, wobei die Farbe Rot überwiegt und  sich prachtvoll vom stahlblauen Himmel abhebt, wandern wir auf sanften Pfaden dahin.

Vom Bahnhof Branik führt unser Weg hinunter durch den Ort und auf der anderen Seite, durch die Weingärten, wieder hinauf. Oben angekommen, erkennen wir auf der gegenüberliegenden Seite im Berghang riesige Schriftzeichen: Der Name "TITO" ist weit sichtbar. Er wird nach wie vor von einem großen Teil der Bevölkerung verehrt. Entlang eines Höhenrückens geht es weiter und wir werden mit schönen Aussichten belohnt. Maria Luise ist verantwortlich für die Wegbeschreibung und ich für die Navigation. Wir stellen fest, dass wir ein hervorragendes Team sind. In einem Dorf werden wir spontan zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Überglücklich zeigt uns die frischgebackene Oma, ihren drei Tage alten Enkel.

Mit frisch gefüllten Wasserflaschen, setzen wir unseren Weg nach Stanjel fort. Es geht alles gut, bis uns plötzlich das Navi nach links, weg vom schönen Hauptweg, in einen wild überwucherten Weg verweist. Auch der Zettel mit der Wegbeschreibung versagt hier. Was tun? Nach längerem Hin und Her entscheiden wir, dass wir dem Navi folgen. Wir steigen steil, durch einen dicht bewachsenen Wald hinauf. Ein Pfad ist eher spürbar, als sichtbar. Tatsächlich erreichen wir auf dem Kamm einen Querweg. Doch verflixt, auch den sollten wir nicht folgen, sondern überqueren und durch das Gestrüpp auf der anderen Seite weitergehen. Ratlos gehen wir suchend nach links und nach rechts auf dem Weg hin und her. Aber es nützt nichts, das Navi will es anders. Bis Maria Luise ein Machtwort spricht: „Wurscht, ich gehe voraus und du schaust auf das Navi“. Nach einem halben Kilometer die Überraschung: Wir kommen aus dem Wald heraus, auf einen Weg mit einer Markierung. Noch drei Kilometer nach Stanjel. Wir sind sehr erleichtert, denn es dämmert bereits. Wir erreichen das malerische Dorf Stanjel, das sich uns in der Abendsonne auf einem Hügel darbietet.

Stanjel

Das schönste Dorf Sloweniens. Der Architekt Max Fabiani, der auch unter Otto Wagner in Wien wirkte und einige berühmte Bauwerke in Wien, Ljubljana und Triest plante, war in seinen späteren Jahren Bürgermeister von Stanjel. Er prägte nach dem Zweiten Weltkrieg das Ortsbild. Sehenswert in Stanjel ist der, von ihm entworfene „Ferrarigarten“. Ebenso der Kirchturm, der eher an ein Minarett erinnert und die frisch renovierte Burg. Wieder überraschte uns das schöne Apartment und die Quartiergeber chauffierten uns die zehn Kilometer zum Restaurant Komel, wo wir den Tag bei einem fünfgängigen Menü und viel rotem Teran ausklingen lassen.

 

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Der dritte Tag

Wieder erwartet uns ein warmer sonniger Tag. Bevor es losgeht, lassen wir uns in einer Bar Cappuccino und dazu Croissants schmecken und kaufen etwas Proviant in einem kleinen Laden ein. Der Weg führt heute erneut durch herbstliche Farbenpracht. Die Landschaft geprägt von Dolinen, dieses besondere landschaftliche Phänomen des Karst. Durch Unterholz, vorbei an Weiden mit Pferden, Kühen und Schafen. Wir gehen viel im Schweigen. Jedes Reden erscheint uns als Störung. Manchmal bleiben wir stehen und lauschen in die Stille hinein. Der Kopf ist leer und  wenn wir reden, dann über den Wegverlauf. Wir sind völlig im Einklang unterwegs. Bei der Kirche von Kopriva, die uns mit ihrem Geläute begrüßt, verzehren wir unsere Jause und in den Pausen wird dann auch viel gekichert und gescherzt. Weiter geht es zum Ort Tomaj, durch den auch der Slowenische Jakobsweg führt. Der Weg von Tomaj nach Smarje führt durch Weingärten und einem Wald. Am Brunnen von Smarje erfrischen wir uns und verzehren den Rest unserer Jause. Es ist nicht mehr weit bis nach Sezana und wir fallen nach unserer Ankunft in die erste Bar ein. Bier und Chips, das gehört nach einem so schönen und anstrengenden Tag einfach dazu. Alle Achtung, die 27 Kilometer haben wir locker geschafft. Die Überraschung des Tages hat unsere Unterkunft für uns bereit. Ein liebevoll eingerichtetes, entzückendes Apartment. Gleich um die Ecke, ein tolles Restaurant. Viel Schweigen am Tag und viele gute Gespräche und Gelächter am Abend. Alles ist richtig und gut.

 

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Vierter Tag

Auf nach Triest, nach einigem Hin und Her durch die Stadt Sezana. Die Wegbeschreibung versagt wieder einmal und wir orientieren uns nach dem Navi, das uns wirklich richtig hinausführt. Wir folgen zunächst einer kerzengerade führenden Lauf- und Radstrecke, bis uns das Navi in die Pampas leitet. Jetzt sind wir wirklich mitten im Urwald. Es gibt einen Pfad, dem wir folgen. Frische Wildschweinsuhlen veranlassen uns, dicht beieinander zu bleiben. Bizarre Steingebilde, knorrige Nadelgehölze und Gebüsche, sanfte Lichtungen, hohes Gras, das sich im Wind wiegt. Einfach schön. Wir kommen nach Orlik. Ein kompakter Ort in eine traumhafte Landschaft eingebettet, mit vielen neuen Einfamilienhäusern. Leider ist wieder die einzige Bar geschlossen. In dieser Woche vor Allerheiligen, scheint hier vieles geschlossen zu haben. Wir fragen einen älteren Herrn um Wasser und er beschenkt uns mit frischem Traubensaft und Weintrauben. Die Menschen in dieser Region sind sehr hilfsbereit und freundlich. Bald passieren wir die Grenze nach Italien und in Trebiciano spricht Maria Luise einen jungen Mann an einem Brunnen an, der uns den Weg zu einer nahe liegenden und welch ein Wunder, offenen Bar zeigt.

Dort stärken wir uns für den Aufstieg auf den Karstrand mit Prosciutto, Käse und Oliven. Danach geht es sanft durch den Wald hinauf und plötzlich stehen wir auf dem Hochplateau. Vor uns breitet sich das Meer aus und unter uns Triest. Wir fallen uns in die Arme und drücken ein paar Tränen weg. Lange liegen wir in der Sonne und ergötzen uns an dieser Aussicht. Es ist etwas Besonderes, zu Fuß ans Meer zu gehen. Da unten liegt Triest und unsere Urgroßmutter Ernestine ist in einem Krankhaus hier geboren. Wer ist der geheimnisvolle Ururgroßvater fragen wir uns und welche Gene von ihm wirken in uns? Vielleicht ist es wirklich ein Adeliger, wie man in der Familie immer gemunkelt hat. Wir können diese Fragen zwar nicht beantworten, aber wir spüren eine starke Verbundenheit mit unseren unbekannten Vorfahren.

Der Abstieg führt uns auf einem schönen Weg durch einen bunten Laubwald und wir erreichen Triest. Wir sind am Ziel. In der Kirche, ganz in der Nähe unseres Quartiers, zünden wir Kerzen an. Für uns und unsere Ahninnen und Ahnen. Am Ende einer Pilgerwanderung angekommen und gleichzeitig am Anfang eines neuen Weges.

 

 


Über die Autorin:
"Mit Rucksackgeschichten mutig aufbrechen und zur inneren Freiheit pilgern."Ingeborg Berta Hofbauer

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