Hier stehe ich und kann nicht anders - vom Beruf zur Berufung

Vortragende

Auch in der Erwachsenenbildung sind wir mitten in einem Übergang. Methoden, Techniken, Analysewerkzeuge u.ä. erreichen immer weniger die Menschen. Eine neue Ära bricht an.

"Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.“ – es sind die berühmtesten Lutherworte. Gesprochen 1521 auf dem Reichstag zu Worms.

"Ist sie jetzt religiös oder zur Sozialromatikerin geworden?" werden sich einige fragen. Es braucht tatsächlich mehr soziale Romantik in unserer Gesellschaft, vor allem in der Wirtschaft und ich bezeichne mich durchaus als religiösen Menschen, im Sinne von Rückbesinnung auf die großen Fragen: "Woher komme ich, wozu bin ich hier, wohin gehe ich?"

Religion kommt aus dem lateinischen "Religio", was soviel wie Rückbesinnung heißt und "relegere" bedeutet: beachten, bedenken.

Nicht nur privat, auch beruflich ist es empfehlenswert, das Tun mit den persönliche Werten abzugleichen, zu "bedenken" und auf den Prüfstand zu legen. Dies machte ich kürzlich, im Zuge meiner Übersiedlung in mein neues Büro. Ich sichtete, sortierte und mistete aus und reflektierte so 20 Jahre meiner Arbeit. Anfang 2000 gründete ich mein Beratungsunternehmen, nachdem ich einige Ausbildungen, darunter jene zur Coach und Trainerin, abgeschlossen hatte. Eine überaus meditative Tätigkeit, die Erinnerungen wachrief und spontane Erkenntnisse brachte.

Tiberdurchqu (1).jpg

Die Menschen fühlen, dass sich unsere Welt mitten in einer Übergangsphase befindet. Das Alte hält uns noch fest, während schon das Neue ruft.

Dies ruft unterschiedliche Emotionen hervor und stellt eine Herausforderung für den Einzelnen dar. Ich vergleiche das gerne mit der Situation auf dem Franziskusweg, wo ich den Tiber durchqueren musste. Es war zwar eine Furt, doch das Wasser stand mir in der Mitte bis zum Bauch. Ich musste meinen Willen und all meine Kraft bündeln, das gegenüberliegende Ufer fokussieren und alles andere ausblenden. So schaffte ich diese schwierige Situation.

Was könnte das für uns Erwachsenenbildner bedeuten?

Berater, Trainerinnen und Coaches versuchen sich vor allem über den eigenen Unternehmensauftritt, ihre Methoden, Werkzeuge und Techniken vom Mitbewerb abzuheben. Unser Angebot basiert auf einem Mix von individueller Ausbildung, praktischer Erfahrung, Abgekupfertes und vielen Weiterbildungen. Das Ganze gewürzt mit einer Brise Egozentrik. Unsere Dienstleistungen zielen vor allem darauf ab, sich in der Wirtschaft zu profilieren und Menschen in den Unternehmen und Organisationen, zur Verhaltensoptimierung, höherer Produktivität, zu Team- Verkaufs- und Führungskompetenzen zu befähigen. Dabei vergessen wir oft, dass wir den Menschen auch helfen müssen, das gegenüberliegende Ufer zu erreichen, sie im gegenwärtigen Strudel zu unterstützen und ihnen Mut zu machen.

Optimierung ist auf die Vergangenheit und Gegenwart fokussiert. Entwicklung auf die Zukunft.

Das Thema Optimierung hat nicht nur den Bildungsmarkt, sondern die ganze Gesellschaft durchflutet. Es beginnt mit der permanenten Suggestion durch die Konsumindustrie, Werbung, Medien und sozialen Netzwerken, dass wir "Mangelwesen" sind. Nur der Beste, die Schönste, die Schlankeste, die Gescheiteste und der Cleverste und Sportlichste mit den weißesten Zähnen, haben Erfolg in dieser Welt. So die Botschaften, mit denen wir permanent überflutet werden. Das erzeugt Konkurrenzdruck und der beginnt bereits im Kindergarten. Die Folge? Verhaltensauffälligkeiten, Erschöpfung, Depressionen, Burnout und andere gesundheitliche Probleme.

Hoffnungsfroh nehme ich jedoch in meiner Arbeit zunehmend und immer deutlicher Gegentrends wahr. Neue Lebens- und Berufskonzepte werden gesucht und gefunden.  Für immer mehr junge Menschen zählen nicht mehr die Karriere und viel Geld, sondern Werte, wie Freizeit, sinnerfüllte Arbeit und ein gesteigertes Bewusstsein für Umwelt und Natur. Sie wagen selbstbewusst, neue Lebens- und Berufskonzepte umzusetzen und sich nicht mehr in einem "nine to irgendwann" Job versklaven zu lassen. Berufstätige in den mittleren Lebensjahren, können mit  Veränderungen viel schlechter umgehen und sehen sich hilflos, dem steigenden Druck, der Angst nicht zu genügen und der Sorge um ihre Existenz, gegenüber. Die steigende Burnoutrate, ist ein deutliches Zeichen dafür.

Die Wirtschaft ist zwar händeringend bemüht, qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu bekommen, aber aus meiner Sicht noch immer zu wenig bereit, sich mit diesen o.a. Themen konstruktiv, ernsthaft und sensibel auseinanderzusetzen. Zu wenig attraktive Angebote, um hochqualifizierte Menschen in den Unternehmen zu halten und zu entwickeln, bis auf wenige Ausnahmen. Es wird einfach zu wenig in permanentes indiviudelles Einzelcoaching für Mitarbeiter investiert, weil nicht erkannt wird, dass dadurch immens viel abgefedert werden könnte. Alarmsignale würden frühzeitig erkannt werden, teure Krankenstände vermieden und vor allem Führungsmängel ausgebessert werden. Noch immer begegnen mir zynische Aussagen von z.B. Verkaufsleitern:"Wir investieren nicht in Weiterbildung und Coaching, wenn einer nach 100 Tagen sein Ziel nicht erreicht, wird er/sie ausgetauscht."

Ich bin überzeugt, dass sich in 10-15 Jahren die Arbeitswelt komplett verändert hat.

Was heißt das alles für uns Erwachsenenbildner, Coaches und Trainerinnen?

Vor 10 Jahren entdeckte ich, dass das Pilgern eine Möglichkeit ist, spontan und regelmäßig, aus dieser überhitzten Gesellschaft und Wirtschaftswelt auszusteigen. Das veränderte meine Sichtweise, förderte meine Kreativität und brachte mich zu einer Neudefinition meiner beruflichen und persönlichen Werte.

Ich wollte nicht mehr Teil dieses unmenschlichen Optimierungswahnsinns sein

Dieser durchaus gezielt gesteuerte (Selbst)Optimierungswahn, führt zu einer verfälschten Selbsteinschätzung, einem betrügerischem Selbstbild und damit zum zerstörerischen Selbstbetrug. Diese neuen "Gottesbilder" führen aus meiner Sicht nicht zum versprochenen Glück, sondern ins "Tal der Tränen".

Ich finde es äußerst bedenklich und moralisch unvertretbar, dass man Menschen versucht zu optimieren, indem man ihnen suggeriert, dass sie nicht schön genug, fit genug, gescheit genug, erfolgreich genug, fleißig genug, in allem zu wenig genug sind. Das macht die Menschen manipulierbar und damit zu abhängigen Konsumenten.

Der Sparkling Moment

Auf einer Pilgerwanderung in diesem Frühjahr, hatte ich ausreichend Gelegenheit, nachfolgende Überlegungen anzustellen: Begriffserklärung: Die Pilgerin (Peregrinus, aus dem Lateinischen, heißt Fremder in der Fremde) ist Fremde in der Fremde und begegnet anderen Pilger*innen. Sie kann Vertrauen ohne Druck, Erwartungen und Wunschvorstellungen aufbauen.

Es sind Begegnungen von Mensch zu Mensch, von Herzensebene zu Herzensebene. Dadurch können vorurteilsfreie, fern von Erwartungen, Beziehunen geknüpft und Vertrauen aufgebaut werden. Es zählen allein die Herzenstechniken, wie z.B. Aufgeschlossenheit, Wertschätzung, Liebe, Aufmerksamkeit.

Die vier Grundtugenden kamen mir in den Sinn, die schon der griechische Philosoph Aischylos benannte und von Ambrosius von Mailand, als die vier Kardinalstugenden bezeichnet wurden: Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigkeit. Menschen, die mit anderen Menschen arbeiten, brauchen neben all den Werkzeugen, Systemen, Theorien und Methoden vor allem eins: Herzenstugenden, in Folge Herzenstechniken genannt. Denn nur über diese Ebene erreichen wir die Menschen und können ihr Vertrauen gewinnen und sie zu ihrer vollen Entfaltung bringen.

Wenn Menschen ihren Talenten entsprechend gefördert werden und ihre Potenziale entwickeln können, wird Arbeit wieder zu dem werden, was sie sein sollte. Erfüllung! Darüber hinaus die Möglichkeit, zum Wohle der Gesellschaft seinen Beitrag leisten zu können und an einer lebenswerten Zukunft mitzubauen. Das ergibt Sinn in einer sinnentleerten Welt.

Leider haben viele Menschen in ihrer derzeitigen Arbeitssituation das Gefühl, dass sie um etwas betrogen werden. Das sie nicht als Mensch zählen, sondern nur ihre Produktivität etwas wert ist. Das frustriert und demotiviert.

 

Schmetterling

Coaches, Erwachsenenbildner aber auch Führungskräfte, sollten Herzenstechniken in ihrem "Rucksack" haben. Ich stelle vier davon vor:

Liebe als erste und höchste Herzenstechnik. So schrieb schon Paulus in seinem berühmten Brief an die Korinther. „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle.“ (1. Korinther 13) Es ist wohl die schwierigste Herzenstechnik. Aber ohne Liebe zu dem was ich tu und ohne Liebe zu den Menschen, mit denen ich arbeite, wird mir Widerstand und Ablehnung begegnen und ich werde als tönend Erz und klingende Schelle wahrgenommen.

Demut wähle ich als zweite Herzenstechnik: Berater, Coaches und Trainerinnen neigen sehr stark dazu, sich über den Dingen zu stellen. Wer, wenn nicht wir, hat so viel für die eigene Weiterentwicklung gemacht, teure Seminare und Fortbildungen besucht, sich permanent reflektiert auch viel Applaus bekommen. Möglicherweise den eigenen Erfolg vor die Bedürfnisse, der uns Anvertrauten Menschen gestellt. Ich unterstelle niemanden etwas, sondern gebe hier selbstkritisch meinen Entwicklungsweg wieder. Das Pilgern hat mich in eine Selbstreflektion geführt und mir mein neues Selbst- und Berufsbild förmlich aufgezwungen. Wir sehen uns als Zukunftsmacherinnen und Weltverbesserer. Welche Welt und welche Zukunft wollen wir verbessern? Das sollte kritisch, hinsichtlich aller Herausforderungen dieser Welt hinterfragt werden.

Mut ist im Wort Demut enthalten. Mutig sollten wir in unserer Arbeit auf unsere Gefühle achten und nicht blind einen Auftrag des Geldes wegen annehmen oder halbherzig abarbeiten. Wir haben eine große Verantwortung und müssen uns im Klaren sein, dass die Botschaften, die gerade wir weitergeben, viele Menschen erreicht und Breitenwirkung erzeugt. Sprache erzeugt Vorstellungen und Bilder. Diese wiederum beeinflussen Handlungen. Wir tragen die Verantwortung über das, was wir sprechen und welche Bilder und Vorstellungen wir damit erzeugen. Sind es Bilder der Hoffnung, der Zuversicht, des Mitgefühls, der Wertschätzung oder Bilder eines kalten Konkurrenzdenkens, auf den eigenen Vorteil bedachte Bilder, manipulierende, zynische oder abwertende Bilder?

Wertschätzung ist der Türöffner zu den Herzen der Menschen: Menschen durchschauen sofort, wenn Anerkennung und Lob technisch und aufgesetzt rüberkommen. Echte Wertschätzung hängt mit den drei oben genannten Herzenstechniken eng zusammen. Es geht darum, den WERT eines Menschen wahrzunehmen, zu erkennen und positiv wiederzuspiegeln. Wie viele teure Seminare würden sich Unternehmen ersparen, wenn Führungskräfte echte, von Herzen kommende, Wertschätzung zeigen könnten. Voraussetzung dafür ist aber auch der Wert, den man sich selbst gibt. Und damit ist nicht gemeint, wie hoch mein Honorar ist. Auch hier sollte das rechte Maß gefunden werden und damit erinnere ich an eine, der eingangs zitierten vier Kardinaltugenden: die Mäßigkeit. Wir sollten uns auch selbst hinterfragen: "Woraus beziehen wir unseren Selbstwert?" Oder: „Wer bin ich ohne dem was ich habe?“ Diese Erfahrung habe ich beim Pilgern immer wieder machen dürfen: ZU SEIN, FERN DES HABENS.

Spurensand

Fazit

Es braucht Mut, diese Herzenstechniken in dieser zunehmend digitalisierten Welt einzusetzen.

Die Menschen in dieser Arbeitswelt werden zunehmend unzufriedener, erschöpfter, ausgebrannter und depressiver. Angst, Druck, Unsicherheit und Resignation nehmen zu. Talente und Fähigkeiten werden in der Freizeit entfaltet, während im Job "Dienst nach Vorschrift" gelebt wird. "Weil es so keiner wahrnimmt." Wir Trainerinnen, Berater und Coaches haben die WERTVOLLE Aufgabe, Menschen zu entwickeln und ihnen zu helfen, das Beste aus sich herauszuholen. Wir sollten ihnen aber auch Mut machen und ihnen persönliche Wertschätzung entgegenbringen. Für sie einzustehen, ihnen zu helfen, sich zu artikulieren und aus ihren Denkmustern und Glaubenssätzen herauszukommen. Wir sind dazu da, ihnen zu helfen, ihre Talente und Potenziale zu entdecken, Komfortzonen zu überschreiten und neue Perspektiven zu finden. Darüberhinaus sind wir auch dazu da, Unternehmer zu beraten, wie und wo die Potenziale und Talente ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am besten eingesetzt sind.

Wie Aristoteles schon sagte: "Dort, wo sich dein Talent mit den Bedürfnissen der Welt trifft, dort ist dein Auftrag."

Sparkling Moment ist ein Begriff des australischen Psychotherapeuten Michael White

Fordern Sie kostenlos den Wertekatalog an

Büchertipps:

Natalie Knapp "Der unendliche Augenblick" Warum Zeiten der Unsicherheit so wertvoll sind (rowohlt)

Matthias Beck "Was uns frei macht" Für eine Spiritualität der Entfaltung (Styria)

Zu meinen Büchern

Über die Autorin:
"Ich helfe meinen Kundinnen und Kunden Mutkompetenz© zu erwerben, damit sie selbstbestimmt ihren eigenen Weg gehen können."Ingeborg Berta Hofbauer

Ingeborg B. Hofbauer

Einfach Anmelden und keine Neuigkeit mehr verpassen.

Natürlich können Sie dieses Abo jederzeit mit einem Abmeldelink in den zugesendeten Emails stornieren. Ihre Email-Adresse wird ausschließlich zu diesem Zweck genutzt und wird mit Beendigung des Abo direkt gelöscht. Insbesondere erfolgt keine Weitergabe an unberechtigte Dritte. Mehr dazu lesen Sie in der Datenschutzerklärung.

News abonnieren