Die Zeit der wirtschaftlich Kreativen ist angebrochen

20190928 160031 Markusflicker

Milliardenverluste in der Flug- und Freizeitbranche. Kurzarbeit und Kündigungen. Lockdown. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere? Die Zeit der wirtschaftlich und kulturell Kreativen ist angebrochen. Meine persönliche Einschätzung.

„Hier wird Geld gemacht“.

Dieser Satz, ausgesprochen von meinem Geschäftspartner, stürzte mich von einem Moment auf den anderen in eine Sinnkrise. Es geschah 2015. Wir waren gerade auf dem Frankfurter Flughafen unterwegs zu einem Kundenmeeting. Weniger der Satz, viel mehr die Begeisterung, die in ihm mitschwang, machte mir ganz plötzlich klar:„Das ist nicht mehr meine Welt."

Erklärend dazu sollte ich erwähnen, dass ich damals Wirtschaftstrainerin für international tätige, österreichische Unternehmen war und mit meinem Partner eine Consultingfirma in Graz führte. Ich redete mir jahrelang erfolgreich ein, dass dieses Leben genau das war, was ich immer wollte und verdrängte die immer häufiger aufkommenden Zweifel. Acht Jahre zuvor pilgerte ich den Jakobsweg in Spanien und seither wuchs der Zweifel an der Sinnhaftigkeit meines beruflichen Tuns zunehmend. Im unpassendsten Moment, den man sich vorstellen kann - in jener gigantischen Flughafenhalle, vor einem Meeting, machte mein „Lebenszug“ eine Vollbremsung. Von einem Moment auf den anderen war mir sonnenklar:

„Hier will ich nicht sein. Nicht mehr über Optimierungsmaßnahmen und Umstrukturierungen, Organisationsentwicklung und Verkaufstrainings sprechen. Nicht mehr Teil eines Systems sein, das auf Gewinnmaximierung, Shareholder Value und unendliches Wachstum programmiert ist und dabei jedes MITgefühl für eine lebenswerte, gesunde und zukunftsfähige Welt und am Menschen verloren hat. Das bin ich nicht“

Damit man mich richtig versteht. Ich bin keine Verweigerin von Kapitalismus und auch nicht Gegenerin der Wirtschaft. Mir ist vollkommen bewusst, dass ein gesundes, auf Gemeinwohl ausgerichtetes Wirtschaftssystem, die Voraussetzung für Wohlstand ist.

Tatsache ist jedoch, dass das rechte Maß vollkommen verloren gegangen ist. Forschung und Entwicklung und die Bedürfnisse der Welt, welche die Antreiber der Wirtschaft sein sollten, sind einer Realität gewichen, wo Menschen zu Lohnsklaven geworden sind mit dem Ziel, Investoren und Aktionären noch mehr Geld in die Tasche zu spülen, was auf der anderen Seite die Armut in der Welt vorantreibt.

Das ist die eine Seite der Medaille.

Jahresringe

Wenn ich Interviews mancher Wirtschaftbosse in den Medien verfolge, wird mir mitunter übel. Hier sprechen meist Männer mit narzistischen Persönlichkeitsauffälligkeiten, in deren Wortschatz Klimaschutz, Zukunftsfähigkeit, Mitgefühl und soziale Verantwortung nicht nur nicht vorkommt, sondern schlicht und ergreifend nicht vorhanden ist.

Es geht auch anders

Entrepreneurs weltweit zeigen es. Sie haben sich einer zukunftsfähigen Wirtschaft verschrieben, deren Tun einem Werteprüfstand standhält. Dieser lautet: Umwelt- und Klimaschutz, soziale Verantworung gegenüber den Mitarbeiter*innen und der Gesellschaft. Und zwar konsequent und wahrhaftig und nicht als schöner Nebensatz in einem glanzvollen Webauftritt. 

Es sind die Leisen, die nicht den Applaus der großen Bühne suchen. Yvon Chouinard, der Gründer des Multimillionen Dollar Unternehmens, "Patagonia", der genau nach diesen Werten lebt und handelt. Ich kann das Buch "Lass die Mitarbeiter surfen gehen" nur empfehlen. Aber auch heimische Unternehmer, wie Josef Zotter, Heini Staudinger, viele Bio Landwirtinnen und Landwirte, Handwerksbetriebe und Startup Unternehmen. Sie alle sind erfolgreich, wachsen gesund, sind krisenfest UND zukunftsfähig im Sinne von Corporate Social Responsibility.

Erkenntnisse aus dieser Krise aufgrund persönlicher Recherchen

  • Mehr Präsenz im Netz. Kunden*innen suchen Anbieter*innen im Internet.
  • Neue Zielgruppen sind im Netz. Der Opa und die Oma haben das Smart-Phone/I-Pad entdeckt.
  • Konsumbereitschaft gibt es IMMER nur das Konsum-VERHALTEN verändert sich.
  • Milliarden sind einzelnen Branchen entgangen, doch diese Milliarden sind nicht verloren, sondern werden höchstwahrscheinlich anders eingesetzt: Umbau statt Urlaub.
  • Echtzeit Informationen im Internet sind wichtiger denn je. 
  • Die Umsatzzahlen im Bauwesen, sowie im Möbelhandel sind massiv gestiegen.
  • Entscheidungs-Prioritäten verändern sich aber es wird gekauft.
  • Nachhaltigkeit bekommt eine neue Dimension: Gemeint ist damit vor allem auch, was dem Wesen/Persönlichkeit des Menschen dient: Werte, Sinn, Geist, Körper,Seele.
  • Die Digitalisierung flutet alle Bereiche des Lebens. 
  • Sensibilität und Bedürfnis nach Echtheit steigt.
  • Der Einkaufszettel feiert fröhliche Urständ
  • Schauspieler, Großredner und Blender im Marketing und Verkauf sind peinlich geworden.
  • Authentizität ist gefragt.
  • Willkommen im Zeitalter 4.0.
Foto Blumeeule

Jetzt ist die Zeit der wirtschaftlich, kulturell Kreativen angebrochen.

Wer jetzt das Herz und das Ohr bei seinen Kundinnen und Kunden hat und das eigene Angebot dahingehend ausrichtet, wird gewinnen. Die Bedürfnisse gehen zum großen Teil in ein bewussteres Kaufverhalten und das Kaufverhalten ist durch die Klimakrise sensibilisiert. Ich persönlich finde, dass die Coronakrise eine sensiblere Wahrnehmung der gesamten Weltsituation ausgelöst hat und die Klimadebatte, die vorher durch Greta Thunberg losgelöst wurde, schlussendlich verstärken wird.

 

Aus der Geschichte lernen

Die letzten Jahrzehnte könnte man beinahe mit dem alten Rom vergleichen. Dort hielt man die Menschen ruhig, indem man ihnen "Brot und Spiele" servierte. Satt und träge interessierte sich niemand für die Greueltaten der römischen Feldherren, in den eroberten Gebieten. Genau so wenig mischte man sich in die Politik ein, solange genug wilde Tiere und Sklaven in den Arenen ihr blutiges Schauspiel boten. Nur wenige Gelehrte erkannten die Gefahr, die sich von Norden her auf Rom zubewegte. Auf diese wurde natürlich nicht gehört. Im Gegenteil, sie wurden als "Spielverderber" geächtet. Der Rest der Geschichte ist weitgehend bekannt.

Corona und die damit einhergehenden Phasen des Lockdown haben uns die "Spiele" eine zeitlang genommen. Zum Glück bleibt uns wenigstens das "Brot". Der Entfall der "Spiele" rüttelt die Menschen auf, macht sie hellhörig und sensibel, lässt sie wieder teilhaben am Geschehen in der Welt. Die Krise fördert auch die Kreativität den "Not macht erfinderisch".Das sind die positiven Seiten, die man nicht übersehen sollte.

Viele kreative Geschäftsmodelle, die jetzt entstehen zeugen davon:

  • Schnapsbrenner und Parfümeure füllen Desinfektionsmittel ab.
  • Weinbauern stellten in kürzester Zeit einen Online-Shop auf die Beine.
  • Textilbranchen und Labels produzieren stylische Schutzmasken.
  • Tischler stellen "Corona Abstands-Möbel" her.
  • Industrie produziert Zwischenwände aus Plexiglas, Schilde etc.
  • Beherbergungsbetriebe werden zu „Stundenhotels“ für Homeoffice-Suchende.
  • Der Lieferservice boomt.
  • Schüchterne trauen sich nun in den Social-Media-Kanälen aufzutreten, um ihr Angebot zu präsentieren.
  • Außergewöhnliche Geschäftsmodelle entstehen: Wann, wenn nicht jetzt?
  • Viele Firmen besinnen sich ihrer Kernkompetenzen, die plötzlich gefragt sind.

 

 

Wir können Phänomene nicht nur auf der Grundlage dessen wahrnehmen, was bislang gewesen ist, was wir wissen und erfahren haben, sondern auch in ihren Potenzialen – in dem, was sie auf bislang unbekannte Weisen werden könnten. Wir können auf die Zukunft hin denken und, bedeutsamer noch, von der Zukunft her.

Dieses Zitat von den Autorinnen Shelley Sacks und Hildegard Kurt in ihrem Buch “Die rote Blume” bringt es auf den Punkt. "Von der Zukunft her denken". Dies ist die Zeit, sich eine Zukunft vorzustellen und zu erschaffen. Eine gesunde, lebenswerte und umweltgerechte Zukunft.

Die Vergangenheit zu kennen heißt, die Gegenwart zu verstehen und damit die Zukunft zu gestalten. 

Eine hilfreiche Methode, sich seiner Kernkompetenzen zu besinnen, daraus ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell zu entwickeln, kann eine biografische, unternehmerische und persönliche Reflexion sein.

Mit einem Zitat Karl Gampers, ein von mir sehr geschätzter Unternehmensberater und Bestseller Autor, möchte ich schließen. Karl, der Schöpfer von #NeuLand, hat mich vor Jahren mit seinen Ansätzen zum Thema Wirtschaft, in meiner Entscheidung bestärkt, nicht mehr für eine, die Umwelt zerstörende und menschenfeindliche Wirtschaftswelt, tätig sein zu wollen. Meine Welt ist die Welt der wirtschaftlich und kulturell Kreativen.

 Karl Gamper |So schön kann Wirtschaft sein – Der Aufbruch der Kulturell-Kreativen

 

Es geht weniger darum, die Welt zu verändern, sondern sich von der Veränderung verändern zu lassen.

 

 

 

 

 

Über die Autorin:
"Ich helfe meinen Kundinnen und Kunden Mutkompetenz© zu erwerben, damit sie selbstbestimmt ihren eigenen Weg gehen können."Ingeborg Berta Hofbauer

Ingeborg B. Hofbauer

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