Tag: Rucksackgeschichten

Übergänge – Impressionen einer Pilgerwanderung

Pilger, hörst du den Ruf….

Wieder hatte mich der Ruf erreicht und ich breche auf zu einer Pilgerwanderung. Für mich heißt, zu einer Pilgerwanderung aufzubrechen, nicht wandern zu gehen, sondern mich auf einen spirituellen Weg zu machen, um mir selbst zu begegnen. Mir selbst und Gott. Das ist mein tieferes Verständnis von Pilgern. Pilgern als Metapher für den Lebensweg. Peregrinus – aus dem Lateinischen – bedeutet Fremder in der  Fremde.

Diesmal bin ich keine Fremde, sondern Einheimische. Ich pilgere den Heilbrunnweg in der Oststeiermark in meiner Heimat.

Mein Pilgerstab ist aus Ulmenholz:  Ich bin nach dem keltischen Baumkreis eine Ulme. Dieser Pilgerstab ist das sichtbare Zeichen, dass ich nicht Wanderin sondern Pilgerin bin.

Der Weg: Ein neu geschaffener Pilgerweg, rund um ein Heiligtum, ganz in der Nähe meines Wohnortes: „Maria Heimsuchung“ in Heilbrunn

Der Wegweiser: Ein blauer Wassertropfen

„Übergänge im Leben“ ist mein Thema auf diesem Pilgerweg.

„Ein Übergang ist jener Ort, an dem der Wald die Wiese ruft und die Wiese dem Wald antwortet.“

(Aus dem Buch „Der unendliche Augenblick“ von Natalie Knapp)

Als Pilgerin bin ich nun schon 57 Jahre auf dieser Erde unterwegs und habe schon einige Metamorphosen durchgestanden.Den „Übergängen in meinem Leben“ spüre ich auf diesem Weg nach und die Natur ist meine Impulsgeberin.

Ich starte beim Hotel-Gasthof Bauernhofer auf der Brandlucken und gehe, vorbei am Kornreitherhaus, zur kleinen Kapelle. Immer den blauen Wassertropfen folgend, führt der Weg durch den Wald, parallel zur Landstraße. Ich achte auf den „Übergang“ zwischen der Schnelligkeit der vorbeifahrenden Autos und der Langsamkeit meines Ganges im Rhythmus meines Herzschlages.

 

Übergänge: Stille und Lärm  – Natur und Technik – Vegetation und Asphalt – Langsamkeit und Schnelligkeit – Himmel und Erde.

Der Heilbrunnweg hat eine Überraschung bereit. Bei den einzelnen Stationen, die an besonderes schönen Plätzen installiert wurden, erwarten mich spirituelle Impulse. Digital kann man sich den jeweiligen Impuls über einen QR Code auf das Handy laden. Eine angenehme Männerstimme rezidiert einen Text.

Eine schöne Idee und eine Möglichkeit abzuschalten, den Gedanken eine andere Beschäftigung zu geben und sie vom Alltag abzulenken.

Auf einer Bank sitzend, betrachte ich die Landschaft und gehe in Dialog mit meiner inneren Landschaft.

 

Die Straße ist bis zu dieser Stelle noch immer präsent. Auch das ist eine gute Metapher zum Thema „Übergang“. Das langsame Lösen von der Hektik hin zur Stille. Ab der zweiten Station führt der Weg, vorbei an einer Kapelle, in die Natur.

Kühe lagern mitten auf dem Weg. Mich beschleicht Angst, denn ich hatte als Kind ein sehr schlimmes Erlebnis mit einer Kuh.

Der Übergang von der Angst zum Mut.

Fest nehme ich meinen Pilgerstab in die Hand und gehe sicheren Schrittes an den Kühen vorbei. 2 Kalbinnen stehen auf, als würden sie mir die Ehre erweisen. Neugierig schauen sie mich an und lassen mich unbehelligt vorbeiziehen.

An einem Brunntrog verweile ich abermals und kann von hier die Wallfahrtskirche: „Maria Heimsuchung“ im Ort Heilbrunn sehen.

 

Zum Mittagsleuten ziehe ich auf dem Kirchplatz ein und erfrische mich am heilenden Wasser des Brunnens. In der Kirche möchte ich eine Kerze anzünden und etwas spenden. Da bemerke ich, dass ich meine Geldtasche im Auto liegengelassen hatte. Anfangs verärgert, weil ich vor der Weiterwanderung zum Mittagessen beim Gasthof Bratl einkehren wollte, muß ich wohl oder übel hungrig weiterwandern. Ein Themenweg, von Kindern gestaltet, erwartet mich gleich hinter dem Gasthof Bratl. Bunte Ikonen säumen den Weg.

Den blauen Wassertropfen folgend, gehe ich still von Station zu Station, von einem digitalen Impuls zum nächsten. Der Akku meines Handys ist schon fast leer. Digitale Kontemplation. Warum nicht?

Und immer wieder begegne ich dem Thema „Übergang“.

„Wo der Wald die Wiese ruft und die Wiese dem Wald antwortet“

Wieder beim Auto angekommen merke ich, dass ich die ganze Zeit meine Geldbörse im Rucksack hatte. Es war ein Geschenk es nicht gefunden zu haben und ich dadurch meinen Weg nicht unterbrochen hatte. Bei der Rückfahrt hole ich in der Kirche und im Gasthof Bratl zufrieden das Versäumte nach.

Mein Tipp: Diesen Weg sollte man alleine gehen.

 

https://www.bergfex.at/sommer/steiermark/touren/wanderung/128221,heilbrunnweg/

http://www.hbweg.at/de/index.html

http://www.heilbrunnweg.at/

Zu meinen Büchern „Rucksackgeschichten“

 

 

Opatija – Liebe auf den zweiten Blick

Die Geschichte Opatijas (Betonung liegt auf i) ist untrennbar mit der K&K Herrschaft der Habsburger, also mit Österreich verbunden. Kennt man sie nur oberflächlich, findet man als sensible Besucherin diesen Ort mehr ehrvergessen als mondän.

Zwar begegnet man überall dem Glanz von einst, doch dieser scheint von der modernen Tourismusindustrie komplett assimiliert worden zu sein. Übrig geblieben ist manch heruntergekommene und baufällige Villa und abgewohnte Palasthotels, die im Erdgeschoß Wettbüros, Souvenierläden oder, wie im Hotel Stephanie, (heute Imperial) einen Erotikshop beherbergen. Daneben entstanden hässliche Hotelanlagen, konzipiert für den „Instant-Tourismus“.

Diesen Eindruck nahm ich von meiner ersten Reise vor 5 Jahren aus Opatija mit. Im März dieses Frühjahrs machte ich einen neuen Versuch. Diesmal tauchte ich bewusst in die Vergangenheit ein, die sich mir durch viel Geschriebenes über Istrien, insbesondere über Opatija, erschloss.

Es war Liebe auf den zweiten Blick

Bei der Suche nach Unterkünften lohnt es sich, in kleinen Pensionen und restaurierten Villen nachzufragen oder auch auf die angrenzenden Orte Icici oder Lovran auszuweichen.

Wollen Sie sich Opatija aber  richtig schenken, dann logieren Sie im Hotel Kvarner oder im Hotel Miramar. Da bleiben keine Wünsche mehr offen.

Opatija ist begünstigt durch ein besonders gesundheitsförderndes Mikroklima und aufgrund der besonderen Lage, am Fuße der steil abfallenden Hänge der Ucka Berge, vor den kalten Nordwinden geschützt.

Abbazia ist italienisch und heißt Abtei (kroat. Opatija). Aus dem slowenischen Krain kamen einst Benediktinermönche in dieses Gebiet und fanden, außer einigen armseligen Hütten, kaum Besiedelung vor. Von den Grundherren in Kastav wurde ihnen, lt. Vertrag, der Küstenstrich des heutigen Opatija zuerkannt. Die Abtei (Abbazia) und die, dem Heiligen Jakobus geweihte Kirche, stehen noch heute.

Der weitere Verlauf der Geschichte Opatijas/Abbazias ist untrennbar mit einem Gebäude und einem Namen verbunden.

Das Gebäude heißt Villa Angiolina und der Name ist Friedrich Julius Schüler.

Aber dazu muss ich noch weiter zurück in die Vergangenheit gehen. 1844 baute ein reicher Kaufmann aus Rijeka (Iginio Scarpa) eine Sommervilla im heutigen Opatija und legte einen wunderschönen Park um die Villa an. Villa und Park tragen den Namen seiner geliebten, leider tragisch verstorbenen Frau. „Angiolina“.

1881 begann Friedrich Julius Schüler, der Generaldirektor der Südbahngesellschaft, Grundstücke in dieser Gegend aufzukaufen. Er erwarb von den Erben Scarpas die Villa Angiolina und den Park, der fortan öffentlich zugängig war.

Die feine Wiener Gesellschaft war durch den Reiseschriftsteller Heinrich Noe‘, der von dieser Region und dem Klima schwärmte, aufmerksam geworden.

Der äußerst geschäftstüchtige Südbahndirektor Schüler erkannte die große Chance und plante, nach dem Vorbild anderer europäischer Eisenbahngesellschaften, die mit ihren Railway Hotels sehr erfolgreich waren, ebenso in Abbazia Palasthotels zu errichten. Die Südbahnstrecke nach Rijeka wurde um die Strecke nach Matulje, der Bahnhof von Abbazia, erweitert.

Die Wiener Aristrokatie und reichen Bürgerinnen und Bürger, entflohen dem Winter in Wien und trafen einander an der Österreichischen Riviera zum Stelldichein.

Abbazia wuchs zu einem beachtlichen und europaweit anerkannten Kurort heran, was auch den hervorragenden Kontakten Schülers zu namhaften Ärzten jener Zeit, wie Glax und Billroth zu verdanken war.

Der damit einhergehende Immobilienboom bescherte der Südbahngesellschaft, durch den Verkauf der einst erworbenen Grundstücke, gutes Geld. Damit konnten Bauprojekte, wie das Quarnero (Hotel Kvarner), das Hotel Stephanie und einige andere Dependancen finanziert werden. Das Hotel Stephanie, benannt nach der Frau und späteren Witwe des Erzherzogs Rudolf, heißt heute Imperial und ist leider sehr abgewohnt. Es lohnt sich dennoch die Treppen hochzusteigen und sich im Inneren des Hotels umzusehen. Mit etwas Phantasie kann man dem Glanz und Glamour von einst nachspüren. Obwohl man sich natürlich fragt, ob die Angestellten überhaupt wissen, welche Persönlichkeiten hier einmal abgestiegen sind.

1884 wurde das prachtvolle Hotel Quarnero, mit dem schönsten „Ballsaal der Welt“, dem Kristallsaal, eröffnet. Noch heute ist es das erste Haus in der Stadt, direkt am Lungomare.

Glanzvolle Bälle wurden hier ausgerichtet und die europäische Creme‘ de la Creme‘ fand sich ein. Eine Fotoausstellung dieser Zeit und viele andere sehenswerte Objekte, findet man im Schweizerhaus im Park Angiolina und in der Villa Angiolina selbst. Beide sind als Museen öffentlich zugängig.

Um die Jahrhundertwende gaben sich im Hotel Stephanie der europäische Hochadel, wie Kaiser Franz Josef und Kaiser Wilhelm aber auch Künstler, Literaten, Musiker, wie Gustav Mahler oder Dichter, wie Peter Rosegger die Tür in die Hand. Die Tänzerin Isadora Duncan wurde angeblich von den Bewegungen der Lorbeersträucher im Wind inspiriert und frische Kipferl wurden täglich, direkt von der K&K Hofbäckerei Blaschke aus Wien, geliefert. Peter Rosegger las in der Villa Angiolina „Stoasteirisches“ und Militärkapellen spielten in den Musikpavillons.

Der Wiener Lifestyle wurde nach Abbazia verlegt. Überall im Kaiserreich brodelte es, in Abbazia wurde getanzt.

Opatija und der Lorbeer.

Als der Kurort bereits in seiner Hochblüte stand, baute man den „Kaiser-Franz-Josef-Kai, heute  von den Einheimischen liebevoll „Lungomare“ genannt. Diese Küstenpromenade führt 12 km vom kleinen Fischerort Volosko, vorbei an Opatija, nach Lovran.

Nach der Ankunft führt der erste Weg hinunter zum Lungomare, um ins Zentrum von Opatija zu gehen. Satte, dunkelgrüne Lorbeerhecken und Bäume säumen den Weg und der Blick auf das blaue Meer, mit seinen bizarren Küstenformationen, trösten ein wenig über die zunehmende Verbauung hinweg.

Am Eingang der Stadt stößt man auf den „Walk of Fame“, wo für berühmte Persönlichkeiten Kroatiens, wie u.a. Nikola Tesla, ein Stern in den Asphalt eingelassen wurde.

Der wohl meistfotografierte Platz in Opatija ist die „Jungfrau mit der Möwe“

Es ist das Wahrzeichen von Opatija. An ihrer Stelle stand einst eine Marienstatue. „Madonna del Mare“, die zum Gedenken an den Baron Kesselstadt und seiner Geliebten, der Gräfin Fries, errichtet wurde. Beide sind 1891 in den Wellen des Meeres, unweit der heutigen Statue, ertrunken. So steht es im „Goldenen Gästebuch“, das in der Saison 1891 begonnen wurde. Die Marienstatue wurde, aufgrund witterungsbedingter Beschädigungen, 1951 entfernt. Eine Kopie von ihr steht neben der Jakobskirche.

1956 kam an die selbe Stelle die “Jungfrau mit der Möwe“.  Diese Skulptur des kroatischen Künstlers Zvonko Car ist Anziehungspunkt für BesucherInnen aus aller Welt. Über sein Modell hüllte der Künstler sich diskret in Schweigen. Von hier aus schlendert man weiter, vorbei an der Kirche und kommt zur  Villa und Park Angiolina.

Die Kamelien Blüte im Frühling ein einzigartiges Erlebnis.

Die Kamelien von Opatija.

Blumen wurden schon seit jeher symbolisch verwendet und dienten als stille Botschafterinnen. Die Kamelie steht für Reichtum und Glanz. Sie war die Blume der Aristokratie und der reichen BürgerInnen. Die ersten Kamelien von Opatija waren rot. Ihr Name, „Camellia Japonica“, stammte aus Dresden und nicht, wie fälschlicherweise angenommen,  aus Japan. Im königlichen Gewächshaus in Pillnitz bei Dresden, wurde diese Kamelie von den Gärtnern des „Botaniker König“, Friedrich August II gezüchtet. Nach Abbazia kam diese edle Blume als Geschenk für die Familie Iginio Scarpa.

Heute blühen im Park neben den roten Kamelien auch andere Kamelien Arten. Man sollte sich Zeit lassen für die Besichtigung des Parks und seiner Vielfalt an Gehölzen und Bäumen aus aller Welt.

Inmitten des Parks steht die Statue des großen Förderers Abbazias, Friedrich Julius Schüler.

Nicht entgehen lassen sollte man sich den Weg hinaus nach Volosko.

Vorbei am wunderschönen Hotel Miramare, wo man durchaus noch einen Zwischenstopp auf der Hotelterrasse zum Lunch – auch für Nichthotelgäste möglich – einlegen kann.  Tipp: An der Rezeption kann man das Buch die „Kamelie von Opatja“ erwerben. Dieses wirklich liebevoll gestaltete Büchlein erzählt die Geschichte Abbazias und seiner Kamelien und wurde vom Hotelier selbst herausgegeben.

Eine Reise bekommt für mich zusätzlich Spannendes, wenn ich mich in die Geschichte, Kultur, Menschen und „Geschichten“ eines Ortes an dem ich mich gerade befinde, einlese. Das Cafe des Hotels Milenij, inmitten der Stadt, ist ein würdiger Ort dafür.

Zurück auf den Lungomare. Der Weg führt ab dem Hotel Miramare weiter und ist weniger frequentiert. Bis zum Ausgangspunkt der Kaiser-Franz-Josef Promenade sind es noch gemütliche 45 Minuten. Biegt man nach der Gedenktafel um die nächste Häuserecke, tut sich plötzlich der kleine Hafen des malerischen Fischerortes Volosko auf. Am Ende des Hafens gibt es ein tolles Fischrestaurant. Über schmale Stufen steigt man hinauf in das Ortsinnere , wo Ateliers und kleine Kunsthandwerksläden auf die BesucherInnen warten. Der Traumblick auf den Hafen und auf die Adria, ladet zum Fotoshooting ein.

Mehr über meine Wanderreisen nach Opatija und Istrien

Rucksackgeschichten in Büchern

Wandern im Herzen Istriens  in einem meiner nächsten Blogs

 

Warum ich so gerne allein reise

„Ich brauch Tapetenwechsel sprach die Birke und macht sich in der Dämmerung auf den Weg.“

Allein auf Reisen zu gehen, dazu noch als Frau, wird nach wie vor als „Sonderbar“ eingestuft und ruft die unterschiedlichsten Reaktionen hervor. Ja, ich bin Single und ja, ich wandere und reise am liebsten allein. Na und? Selbst in meinem näheren Umfeld stoße ich immer wieder auf Unverständnis und auf völlig überflüssige Kommentare wie: „Vielleicht lernst du da einmal jemanden kennen“. Zum wiederholten Mal und damit es endlich schriftlich festgehalten ist: Ich reise nicht allein, weil ich jemanden kennenlernen will und ich reise nicht allein, weil ich keine Begleitung habe. Ganz im Gegenteil. Ich mache mich sogar still und heimlich auf, um nicht in  Verlegenheit zu geraten, eine angebotene Reisebegleitung dankend ablehnen zu müssen.

Ich reise allein, weil ich es liebe und ich leidenschaftlich gerne allein reise. Punkt. Die meisten Menschen, vor allem Frauen die allein reisen, werden mir das bestätigen. Allein unterwegs zu sein heißt voll und ganz bei sich zu sein, sich unendlich frei zu fühlen, unabhängig zu sein, selbstbestimmt zu sein usw. usf. Man braucht keine Kompromisse eingehen, nicht über die Wahl des Lokals diskutieren, kann spontan ein anderes Tagesprogramm wählen, um 6 Uhr aufstehen ohne auf jemanden Rücksicht zu nehmen und dann um 21 Uhr schlafen gehen. Aber diese aufgezählten Gründe sind es nicht allein. Reist man allein, nimmt man die Umgebung viel intensiver wahr und man kommt mit Menschen leichter ins Gespräch. Man ist offener und findet relativ rasch neue Bekannte, um diese wieder ziehen zu lassen, wenn die Zeit gekommen ist. Man ist fern von allen Rollen des Alltags.

 Allein reisen heißt nicht einsam zu sein. Allein reisen heißt, die Welt in ihrer Vielfalt und Schönheit richtig gut wahrzunehmen und zu entdecken.

Ich mache keine großartigen Fernreisen oder Abenteuerreisen. Europa hat so viel zu bieten und es ist einigermaßen sicher. Sich einfach für ein paar Tage aufzumachen, sich in den Zug setzen, mit dem Ziel ans Meer zu fahren, ist schon ein kleines Abenteuer. So geht z.B. ein Zug täglich von Wien nach Ljubljana und von dort fährt die Karstbahn weiter nach Koper. Die Fahrt mit der Bahn durch den Karst ist etwas Einzigartiges. Die vielen kleinen slowenischen Orte, deren Namen wie eine Litanei klingen. Wenn dann der Zug am Karstrand hoch oben dahinpfeift und gegenüber die Sonne wie ein Feuerball untergeht, hat man plötzlich dieses besondere Gefühl, als würde die Welt einen Augenblick den Atem anhalten.

Das ist intensives, spürbares SEIN. Jedenfalls für mich. Kaum jemand schaut sich Koper an. Eine attraktive Küstenstadt mit einer malerischen Altstadt, die von einem Speckgürtel, bestehend aus Einkaufszentren und Industriehallen, umgeben ist. Hat man diesen hässlichen Außenring überwunden, findet man sich in der venezianisch geprägten Altstadt wieder. Das berühmte Caffe‘ Loggia Kavarner. Die Loggia ist aus dem 15. Jahrhundert und das Cafe‘ ladet mich ein, das Buch:“ Mein Karst“ von Scipio Slapater anzufangen, der mit anderen Denkern und Dichtern in diesem Cafe‘ Stammgast war.

Das ist es, was ich so am Alleinreisen liebe. Voll und ganz in die Geschichte, die Literatur und die Architektur eines Ortes einzutauchen. Meine BegleiterInnen sind Bücher, Biografien und Reiseliteratur.

Zugegeben, man ist einen ganzen Tag nach Koper mit der Bahn unterwegs und der realistische, moderne und gestresste Mensch, der Erholung sucht, sagt zu Recht, dass man bereits in 4 Stunden dort sein könnte. Aber es geht hier nicht um das Ziel, sondern um den Weg. Hier bekommt das Lao-Tse-Zitat „der Weg ist das Ziel“ eine nachvollziehbare Bedeutung. Es ist ein anderes Gefühl des Reisens. Sich langsam von daheim entfernen, um sich langsam dem Ziel anzunähern. Das Beobachten anderer Fahrgäste im Zug oder die Menschen in den Bahnhöfen und auf den Feldern. Landschaft und Gedanken verschmelzen plötzlich und unbemerkt.

Wenn du es ernst meinen solltest mit dem „Runterkommen“, dann mach dich auf Reisen, wie es schon Künstler und Dichter, wie z.B. Goethe einst taten. Letzterer klagte sogar, „dass die Kutsche zu schnell fahre und sein Geist mit dem Tempo nicht mithalten könne“.

Als Frau allein unterwegs habe ich natürlich ein Smartphone dabei und checke mir über das Internet mein Quartier. Diese durchaus frauenfreundlichen Erfindungen ermöglichen es mir, gute Quartiere zu guten Preisen zu bekommen. Ebenso ist es angebracht ein Navigationsapp zu haben und sich damit zurechtzufinden. Here Map hat sich gut bewährt und Google Map sowieso. Komme ich in der Nacht an, so nütze ich immer ein Taxi. Allein reisen heißt nicht, dass ich übermütig bin. Es heißt auch nicht, dass ich außergewöhnlichen Mut habe. Es heißt vielmehr achtsam zu sein und wachsam. Allein essen zu gehen wird auch von vielen gefürchtet. Ich persönlich suche mir die besten Lokale aus, weil ich ein Land auch über die Kulinarik kennenlernen will. Außerdem bin ich Genießerin. Selbstbewusst ein Lokal zu betreten und nach einem schönen Tisch zu verlangen, war für mich noch nie ein Problem. Ich habe nur gute Erfahrungen damit und mir wurde außerhalb von Österreich noch nie ein Tisch neben Klo, Küche oder Ausgang angeboten. Innerhalb von Österreich muss man sich als Frau manchmal behaupten, um sich Respekt zu verschaffen. Apropos‘ Respekt. Den habe ich mir spätestens dann erworben, wenn ich kundig ein 3-Gänge Menu‘ mit entsprechendem Wein bestellt habe.Ich schreibe auch auf Reisen und deshalb sind Schreibstift und Schreibheft ständig dabei. Und wenn ich nicht gerade meine Umgebung beobachte, schreibe oder lese ich zwischen den Gängen.

Sollte ich wirklich einmal das Bedürfnis haben, etwas mit anderen zu teilen, dann gibt es ja noch Facebook. Da ich eine Früh-Schlafengeherin bin, ziehe ich mich nach dem Abendessen bald  in mein Zimmer zurück und lese noch in meinem E-Book-Reader. Auch diese Erfindung ist genial auf Reisen. Man hat eine ganze Bibliothek dabei.

Leichtes Gepäck, ich reise nur mit Rucksack, ist sehr zu empfehlen. Nicht nur weil man die Hände frei hat, wenn man z.B. mit dem Navi durch die Stadt geht, sondern man ist als Backpackerin sofort Teil einer „Community“ und findet schneller Anschluss.

Bis bald!

Zu den Büchern Rucksackgeschichten

 

 

Verborgene Schätze in der Oststeiermark

Wenn ich wandere, da bin ich ganz ich. Da fühle ich eine ungelöste Einheit zwischen mir und den Bergen, Matten, Wäldern und Bächen, die um mich sind, eine Einheit, die mein Lebtag so war und sein muss, die meine volle Ganzheit ausmacht, in der ich mich ausfülle, kurz, in der ich bin – ich kann’s nicht anders sagen.“

(Peter Rosegger 1843-1918)

Wandern in der Oststeiermark

Ich sitze mit meinem Laptop vor meinem Büro in Rosegg bei Anger in der Sonne und surfe mit Glasfaser-Internet. Am Hang gegenüber schnauft dampfend und pfeifend die Feistristritztalbahn in Richtung Birkfeld. Diesen Geräuschen zuhörend, reise ich in meinen Gedanken 70 Jahre zurück.

Ende des Sommers 1946 fuhr eine frischgebackene Lehrerin mit der Feistritztalbahn von Weiz kommend, hier entlang nach Waisenegg, das an der damaligen Bahnstrecke zwischen Birkfeld nach Ratten lag. In eine vom Krieg schwer angeschlagene, ärmliche, vorwiegend von Bauern besiedelte Region. Die Schule in Waisenegg war im Krieg abgebrannt und die Lehrerin, meine spätere Mutter, musste zunächst in einer Notschule, die in einem Dachboden untergebracht war, unterrichten. Der Liebreiz der Landschaft auf 700 m Meereshöhe hatte die gebürtige Gleisdorferin bald in seinen Bann gezogen und die Liebe zu einem jungen Mann, meinem späteren Vater, tat das Übrige dazu, um ein ganzes Leben hier zu bleiben.

Meine Mutter ist inzwischen 91 Jahre alt und lebt noch immer glücklich hier im oberen Feistritztal in der Oststeiermark.

Der offizielle Betrieb der Feistritztalbahn wurde bald nach Ankunft der jungen Lehrerin eingestellt. Die Gleise zwischen Birkfeld und Ratten abgetragen und dieser Streckenabschnitt viele Jahre später in einen Rad-Wanderweg umfunktioniert. Einige wenige Idealisten gründeten einen Interessensverein. Damit konnte diese historisch wertvolle Schmalspurbahn als Bummel-Tourismuszug zwischen Weiz und Birkfeld weitergeführt werden.

Inzwischen ist die Feistritztalbahn eine nicht mehr wegzudenkende Tourismusattraktion, die jährlich viele BesucherInnen aus nah und fern anzieht.

Eine Fahrt mit der Feistritztalbahn kommt einer Zeitreise, die 100 Jahre zurückführt, gleich. Landschaftlich hat sich, aufgrund der topografischen Verhältnisse, kaum etwas verändert. Der Bahnhof Birkfeld ist noch derselbe wie zu Roseggers Zeiten. Durch das enge Feistritztal nach Anger kämpft sich die Dampflok mit ihren grünen Waggons durch Tunnels, über Viadukte und hält das erste Mal am Bahnhof Koglhof, am Fuße des Schlosses Frondsberg. Aber hin und wieder kann es durchaus vorkommen, dass sie auf der Strecke einen Zwischenstopp einlegt, weil ein Fahrgast sein Handy beim Fotografieren verloren hat. Dann suchen Schaffner und Gäste danach, bis das Verlorene unter großem „Hallo“ wiedergefunden wird.

Im Salonwagen werden regionale Produkte verkostet und mitunter spielt ein mitreisender Musikant auf seiner „Steirischen Knopfharmonika“.

Zeit bekommt eine neue Dimension bei einer Fahrt mit der Feistritztalbahn und diese kostbare Erfahrung kommt dem Gefühl nahe, man sei in einer Parallelwelt gelandet. Die Langsamkeit hat die Herrschaft übernommen, der Rauch, das durchdringende Geräusch, wenn Eisen auf Eisen trifft, das Pfeifen, wenn der Zugführer „Signal“ gibt, sind ihre Assistentinnen.

Die Menschen hier wissen um ihre schöne Heimat und nur wenige wollen weggehen. Um nicht weggehen zu müssen, haben sich viele Bauern umgestellt und betreiben Biodiversität. Nirgendwo in Österreich gibt es eine solche Dichte an gehobener Gastronomie.

Allein im Umkreis meines Wohnortes gibt es fünf HaubenköchInnen. Angeboten und verarbeitet wird, was die Bauern produzieren.Das hat der Oststeiermark den Ruf des „Gartens Österreichs“ eingebracht.

Touristisch ist die Oststeiermark nach wie vor ein Geheimtipp. Es ist ein Wanderparadies und eine Genussregion. Diese Landschaft wurde bereits von frühen Kulturen besiedelt. Kultplätze, Lochsteine und unterirdische Gänge zeugen noch heute davon.

Schluchten, Höhlen, Wiesen, Almen, Flüsse und Berge lassen das Wanderherz höher schlagen.

Vor 15 Jahren habe ich begonnen, die Oststeiermark zu erwandern und ich habe noch längst nicht alle Schätze entdeckt, die dieser Landstrich zwischen Feistritz und Raab, zwischen Teichalm und Wechsel, zwischen Joglland und Vulkanland zu bieten hat.

Ab 2017 werde ich meine Oststeiermark den Gästen, die zu uns kommen, gerne zeigen.

Mehr darüber: Wanderwoche 20.- 25. August 2017

 

 

Der Wunsch nach Freiheit und deren Attribute

Kennen Sie das auch? Diese Sehnsucht, sich von Altlasten befreien zu wollen, Ballast abzuwerfen, Gerümpel loszuwerden und Freiräume zu schaffen für neues im Leben?

Wer einmal seine Wohnung gründlich entrümpelt hat weiß, wie befreiend das sein kann. Platz schaffen für neue Dinge oder einfach Platz schaffen für GAR NICHTS.

http://www.foto-MAXL.at

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Milieustudien zeigen, dass sich viele unterschiedliche gesellschaftliche Schichten bilden. Als Beispiel nenne ich hier LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) und LUXAS (Luxusasketen)

Während sich LOHAS einem gesunden und nachhaltigen Lebensstil verschrieben haben und in ihrem Konsumverhalten darauf achten, sind LUXAS jene, die Geld  für Dinge ausgeben, die ihren Ansprüchen nach Luxus gerecht werden. Beiden ist gemeinsam, dass sie eher zur besser verdienenden Bevölkerungsschicht gehören.

Während LOHAS bei der Geldausgabe Fokus im Nahrungs- und Bekleidungssektor setzen, lieben LUXAS Dinge, welche die eigene Persönlichkeit unterstreichen und ihren individuellen Sinn für Ästhetik hervorheben.

LUXAS definieren Luxus im Zusammenhang mit ihrer eigenen Persönlichkeit entsprechend individuell, unabhängig davon was gerade in Mode ist oder welche allgemein anerkannten Vorstellungen über Lifestyle vorherrschen. Es ist der Wunsch nach einer unverwechselbaren Identität, die antreibt, aber auch eine gewisse Sehnsucht nach Freiheit.

Freiheit als das Luxusgut und wer sich dieses Gut leisten kann, ist bei den Privilegierten „angekommen“.

Freiheit als Gut?

Warum, hier als Beispiel genannt, machen sich immer mehr Menschen zu einer Pilgerreise auf? Für ein paar Wochen Freiheit werden körperliche Strapazen und andere Unbequemlichkeiten in Kauf genommen. Urlaub in der Klosterzelle oder auf einer Berghütte, ohne Strom und jeglichem Komfort. Das sind die Güter, mit denen Freiheit assoziiert werden. Freiheit finden in der Reduktion auf das Wesentliche, in der Rückbesinnung auf die einfachsten Dinge im Leben.

Es ist genug!

Die Übererfüllung all unserer Bedürfnisse, dieser Überfluss haben uns das wertvolle Gefühl hungrig zu sein geraubt. Haben uns die Begierde nach etwas genommen. Schon meine Oma sagte:“ Wenn du jeden Tag Schnitzel ist, dann schmeckt es dir am Sonntag nicht mehr!“ Nur ein hungriger Geist ist ein kreativer Geist, so der Hirnforscher Ernst Pöppel.

Reduktion leben!

Unsere Häuser haben Räume für wohnen, kochen, essen, schlafen, spielen, arbeiten und stauen. An dieser Raumgestaltung hat sich in den letzten 100 Jahren nicht viel geändert. Vielleicht, dass ein großer Raum für mehrere Zwecke herhalten muss, die Idee dahinter ist jedoch dieselbe. Diese Räume sind ihrem Verwendungszweck entsprechend, mit Requisiten gefüllt.

Leer-Raum!

Um sich von den Milliarden Informationen, die täglich auf uns einprasseln zu erholen, um sich auch der Verschmutzung durch Lärm und Licht zu entziehen, braucht die Wohnung der Zukunft einen LEER-RAUM und einen RAUM DER STILLE.

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Kreativität ist nur möglich wenn die Gedanken, ohne abgelenkt zu werden, fließen können. Den Gedanken sprichwörtlich einen freien Raum geben. Ein freier Raum, wo der Mensch im Zentrum steht, sitzt, liegt, tanzt, geht, vielleicht auf dem Kopf steht. In dieser kompromisslosen Gesellschaft mit sich selbst, muss man sich den eigenen Gedanken stellen, ihnen RAUM geben, damit sie FORM annehmen können. DAS KANN ANGST MACHEN UND GLEICHZEITIG BEFREIEN

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Um auf  die LUXAS zurückzukommen. Sie werden die ersten sein, die sich einen Leer-Raum leisten oder/und einen Raum der Stille. Sie sind Ästheten.

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(Ästhetik die Lehre von den schönen Dingen)

Bitte wo ist meine Mitte?

Auf einer meiner Wanderungen denke ich über meine nächste Kolumne für „Mitten im Leben“  (Rheinzeitung) nach. Da das Gehen bekanntlich den Geist in Bewegung bringt, philosophiere ich gehend über das Thema „Mitte“.

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Gehend philosophieren! Ein Luxus, den viele Literaten, Philosophen, Künstler und anderes „nichtsnutziges“ Volk bereits seit Jahrhunderten gerne praktizieren. Zurück zum Thema: Was heißt „die Mitte finden“? Eine Aussage, abgedroschen wie ein alter Schlager, esoterisch missbraucht und zum Glaubenssatz verkommen? Wenn ich so darüber nachdenke, habe ich im Grunde nicht die geringste Ahnung, was es heißt, „die Mitte gefunden zu haben“.

Ich bin manchmal außer mir und im besten Fall bei mir, aber wie und woran erkenne ich, dass ich in meiner Mitte bin?

Spürt man die Mitte, wenn man sie gefunden hat? Und wo ist meine Mitte? Im Bauch, im Herzen oder vielleicht doch im Kopf? Da kann ich mit dem Ausdruck „das rechte Maß oder maßhalten“ schon viel mehr anfangen. Ob beim Essen und Trinken, beim Wandern, beim Sport, beim Konsumieren, beim Feiern und vor allem bei der Arbeit. An dieser Stelle möchte auf die große Mystikerin Tereza von Avila verweisen, die das rechte Maß in klare Worte fasste.

„Maß halten und Spaß haben“. Oder: „Wenn Rebhuhn dann Rebhuhn, wenn fasten dann fasten“.(T.v.Avila)

Nach einer anstrengenden Wanderung ist die Stärkung des Leibes durch Speis und Trank ein Hochgenuss für mich. In diesen Momenten kann ich durchaus im Brustton der Überzeugung sagen: „Jetzt bin ich in meiner Mitte.“ Deshalb schließe ich mit den Worten von Tereza von Avila:

„Tu deinem Leib des Öfteren etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen“.

 

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Biografiearbeit – was ist das?

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Angebot: Wandern und Biografiearbeit Sommer 2016 in Tirol

„A Bam kaun net wochsn wenn er kan Bodn hat“

Dieser Satz hat sich tief in die Erinnerung meines Vaters eingegraben und dieser Satz veränderte sein Leben nachhaltig und wahrscheinlich auch meines.

Im Rahmen meiner Ausbildung zur zertifizierten Biografiebegleiterin, welche eine wertvolle Bereicherung meines Rucksackangebotes® ist, wählte ich die Lebensbiografie meines Vaters für meine Projektarbeit. Eine der ersten von vielen weiteren wertvollen Erkenntnissen war die, dass vor allem jene Eigenschaften meines Vaters, gegen die ich in meinen jungen Jahren am meisten rebellierte, die größten Stärken und Ressourcen meiner eigenen Biografie darstellten.

Was ist Biografiearbeit?

Nach Ruhe (1998) ist es der „Versuch, Mensch-Sein als Körper, Geist und Seele in den individuellen, gesellschaftlichen und tiefenpsychologischen Dimensionen wahrzunehmen. In der Rückschau auf das eigene Leben, geschieht Einbettung in das gesellschaftliche Leben, wächst Verständnis für das Eigene. Biografiearbeit ermöglicht, sich sinnhaft als Bestandteil eines Kontinuums zu definieren.“
Kurz: Biografiearbeit ist die Reflexion der Vergangenheit zur Gestaltung der Zukunft. Es ist „strukturiertes, angeleitetes Erinnern“

Zurück zur Biografie meines Vaters. Mit seinen 89 Jahren(1927) hat er einen unglaublich scharfen Verstand, obwohl mitunter seine Alterssturheit für uns Familienmitglieder manchmal eine Herausforderung darstellt.

„Einmal Chef, immer Chef“

meinte eine Bekannte lapidar, während sie eine seiner Aktionen live miterlebte. Bei einem ihrer Besuche standen wir ins Gespräch versunken im Garten, als mein Vater hinzutrat und mich beauftragte auf der Stelle und sofort eine Leiter an den Kirschbaum anzulehen. Besuch hin oder her, die Kirschen waren zu ernten und jede Minute, die dies hinauszögerte, war seiner Meinung nach reine Verschwendung und sein Anliegen hatte deshalb höchste Priorität. Da half kein argumentieren – von wegen Besuch und so – was Sache ist, ist Sache und sein Hörapparat – wie sollte es anders sein – funktionierte in diesen Momenten ohnehin nie. So schleppten wir, meine Bekannte und ich, die Leiter herbei und lehnten sie an den Baum. Ich kochte vor Wut, aber die Welt war gerettet für meinen Vater und er stieg,trotz massiver Proteste, seitens meiner Mutter und mir, auf die Leiter. Sein Gesichtsausdruck voll Glückseligkeit, beim Genuss der ersten Kirschen, ließ meine Wut sofort verrauchen und wich einem Lächeln. Ja, einmal Chef immer Chef. Durchsetzen konnte er sich, der alte Mann. Eine Stärke, die ich zu hundert Prozent geerbt hatte.

Doch um Chef zu werden musste mein Vater einen steinigen Weg beschreiten.

Für jemanden, der nur die Volksschule besucht hatte, war dies mit harter Arbeit, lernen und großem Durchhaltevermögen verbunden. In den Wintern 1956-1957 bereitete sich mein Vater an der Ortweinschule in Graz auf die Zimmermeisterprüfung vor und legte diese erfolgreich 1958 ab.

Doch die Hürden waren damit noch lange nicht überwunden.Der damalige Bürgermeister unternahm alles, damit mein Vater keinen Betriebsstandort in seiner Heimatgemeinde bekam.

Die Intrigen gegen den „Häuslerbuam“, dem „Habenichts“ trieben arge Blüten.

Trotz der vielen Knüppel, die meinem Vater zwischen die Beine geworfen wurden, ließ er sich nicht entmutigen und gewann  durch seine gesellige und weltoffene Art, seinem großem Handwerkstalent und nicht zuletzt durch sein Spiel auf der Steirischen Ziehharmonika, viele Gönner, Förderer und Kunden.Sein Onkel schenkte meinem Vater Grund und Boden für die Gründung seines Betriebes mit den eingangs zitierten Worten.

„Man muss Respekt und Wertschätzung gegenüber jenen Menschen haben, die für einen arbeiten“.

Diese Botschaft bekam ich von Kindesbeinen an mit. Nicht ein einziges Mal in all den Jahren musste in unserer Firma ein Arbeiter auf seinen Lohn warten. Auch hatte mein Vater manchen seiner Arbeiter mit einem zinsenlosen Kredit die Familien bzw. Existenzgründung ermöglicht.

Als ich viele Jahre später einen Lehrgang zur Zertifizierung als Nachhaltigkeitsmanagerin besuchte, konnte ich mehrmals die Feststellung machen:

Das was hier als Social Entrepreneurship verkauft wird, lebte mein Vater bereits vor 40 Jahren und ist ebenso für mich eine Selbstverständlichkeit“.

Mein Vater war innovativ und blickte über den Tellerrand hinaus. Zum Beispiel brachte er von einer beruflichen Auslandsreise mit der Wirtschaftskammer, eine neue Geschäftsidee mit nach Hause. Diese setzte er sofort um und sein Kleinunternehmen wuchs dadurch in den Siebzigerjahren zum mittelständischen Betrieb mit 35 Mitarbeitern heran.

Mut, Durchhaltevermögen, Zielorientierung, Durchsetzungskraft, Weltoffenheit, Neugier, Fleiß, unternehmerisches Geschick, eine Brise Schlauheit und Glück, verbunden mit sozialer Verantwortung gegenüber seinen Mitarbeitern, machten meinen Vater weit über die Grenzen seiner Heimatgemeinde bekannt und man brachte ihm große Anerkennung und Respekt ein. Bis heute.

Welchen Gewinn kann man persönlich in der Auseinandersetzung mit seiner Biografie ziehen?

Im Rahmen meiner Ausbildung tauchte ich tief in meine eigenen Wurzeln ein und konnte meinen Werdegang besser verstehen. Vor allem aber durfte ich feststellen, dass ich meine Fähigkeiten und Talente zum großen Teil meinem Vater zu verdanken hatte, ebenso meine weltoffene Haltung vor allem gegenüber Fremden. Dies erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit.

Biografiearbeit ist keine Psychotherapie, sondern eine strukturierte Anleitung zur Erinnerung. Vorwiegend wird Biografiearbeit bei alten Menschen und Menschen mit Behinderungen eingesetzt.

Biografiearbeit kann jedoch gerade in dieser rastlosen Zeit eine Möglichkeit des sich besinnens anbieten. Sie bietet die Chance Schätze in der eigenen Geschichte, aber auch in der Unternehmensgeschichte zu entdecken und zu heben. Sie kann die Basis für tragfähige Entscheidungen sein.

Ich persönlich habe bei meiner eigenen Biografiearbeit und bei der Biografiearbeit mit meinem Vater ein starkes Selbstwertgefühl gewonnen und ein Bewusstsein von Kraft, die man nur aus den eigenen Wurzeln schöpfen kann.

Möglichkeit zur Arbeit an der eigenen Biografie von 8-12.August 2016 in Tirol Stift Fiecht

Businesstrip oder Pilgerreise?

Abschrift des Verlagsblogs Novumverlag

Proviant und Ballast aus ihrem eigenen Leben hat Novum Autorin Ingeborg Berta Hofbauer geschickt in ihrem Buch „Rucksackgeschichten” verpackt. Wer lernen will, wie Mut geht, wirft einen Blick in die Anleitung zur Mutkompetenz.

„Ich danke allen, die versucht haben, mich zu entmutigen, denn durch sie habe ich den Mut bekommen, meinen Weg zu gehen, meiner inneren Stimme zu vertrauen und mein Potenzial zu erkennen.“ Das Patent für das Wort „Mutkompetenz“ hat Ingeborg Berta Hofbauer mit ihrem Buch „Rucksackgeschichten“ erworben. Die Autorin schildert auf 148 Seiten, wie ihr der Brückenschlag von der Karrierefrau zur Pilgerin gelungen ist und wie man die innere Mitte findet, ohne dabei die Balance zu verlieren.
Um Frieden zwischen ihren, wie sie selbst sagt, „zwei Seelen“ stiften und unvereinbare Wünsche doch noch einen zu können, musste sie allerdings erst zwei spirituelle Pfade beschreiten – ihren Lebensweg und den Jakobsweg, vom Fuße der Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela. Was ihre Pilgerreise sie gelehrt hat, gibt die Unternehmensberaterin und Reisebegleiterin in ihrem Buch speziell jenen Lesern weiter, die ihren Weg schon gefunden haben, aber immer noch nach der Richtung fragen. In ihren Rucksackgeschichten teilt Hofbauer Alltagsballast, Reiseproviant aus dem Berufs- und Gepäck aus dem Freizeitleben mit Mitreiseanwärtern. Seite für Seite gewährt die novum Neuautorin Einblick in ihren Erfahrungsschatz und lehrt dabei nicht nur viel übers Annehmen, Loslassen, Anpacken und Glücklichsein, sondern auch über Skills, die helfen, Alltägliches zu meistern. Bezugnehmend auf Episoden aus ihrem eigenen Leben verrät sie so zum Beispiel, wie man mit den richtigen Kommunikations-, Verkaufs– und Vermarktungstricks an sein persönliches Ziel kommt und Träume verwirklicht. Rucksackübungen am Ende jedes Kapitels erheben den neuen Wissensfundus vom Theorie- in den Praxisstatus.

Wer zwischen den Zeilen liest, wird aber schnell erkennen, dass das neue Anwendungswissen wesentlich weiter reicht als nur bis zu Daily Routine Management Tools.

Indem Ingeborg Berta Hofbauer ihre Schüler anweist, ihre Träume statt in ein „Entweder-Oder“-Denken in ein „Sowohl-als-auch“-Schema zu betten, macht sie Mut zu neuen Denkmustern. Destruktiven Glaubenssätzen wie „Ich habe keine Zeit“ nimmt sie mit eloquenter Einfachheit den Schrecken:

„Bei näherer Betrachtung stellen wir fest, dass Zeit das einzige Gut ist, das gerecht verteilt ist. Jeder Mensch hat 24 Stunden pro Tag zur Verfügung. Somit ist der Glaubenssatz „Ich habe keine Zeit“ falsch. Eine gute Möglichkeit, sich selbst auf die Spur zu kommen, ist, das Wort „Zeit“ durch das Wort „Leben“ auszutauschen. Klar und ehrlich ist Ihre Aussage, wenn Sie formulieren: „Ich habe keine Zeit für…“ Damit signalisieren Sie deutlich, dass Sie andere Prioritäten haben, und um diese geht es letztendlich.“

Ihr Wissen über den Wert von Zeit, Tempo und Entschleunigung, das sie unter anderem auf ihren Pilgerreisen erlangt hat, fließt auch in die dazu passende Rucksackübung ein, die Sie am besten gleich selbst in der Praxis testen:
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„Die Dyade oder der Tiefendialog“

Schreiben sie die folgenden Sätze auf zwei Zettel. Einen davon geben Sie Ihrem Partner.
• „Sag, für wen oder was in deinem Leben möchtest du mehr Zeit?“ „Danke!“
• „Sag, wer oder was hindert dich daran, diese Zeit zu finden?“ „Danke!“
• „Sag, was musst du tun, um diese Hindernisse zu überwinden?“ „Danke!“
• „Sag, welche Entscheidungen musst du dafür treffen?“ „Danke!“
Spielregel:
Suchen Sie einen ungestörten Platz oder gehen Sie spazieren. Lesen Sie den ersten Satz vor und lassen Sie den Anderen ungestört sprechen. Unterbrechen Sie nicht, sondern hören Sie schweigend zu. Ihr Partner gibt Ihnen ein Zeichen, dass er fertig ist. Daraufhin sagen Sie „Danke“ und lesen den nächsten Satz vor, hören zu und nachdem Ihr Partner fertig ist, sagen Sie wieder „Danke“ und lesen den dritten, dann den vierten Satz vor. Sind Sie mit allen vier Sätzen durch, tauschen Sie die Rollen. Nun sind Sie an der Reihe zu antworten und Ihr Partner liest die Sätze vor. Sobald Sie den ersten Durchgang beendet haben, tauschen Sie wieder die Rollen und wiederholen Sie denselben Vorgang noch zwei weitere Male. Jeder von Ihnen geht dreimal komplett die gesamte Übung durch.
Sie werden sehen, wie umfangreich man ein Thema auf diese Weise beleuchten kann und zu welchen tiefen Erkenntnissen man kommt.
Diese Übung können Sie zu jedem beliebigen Thema machen, wenn Sie die Fragestellung nach dem obigen Muster konstruieren.
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Noch mehr Übungen, die Mut zum Zuhören, zur Offenheit, zum Sich-Ausprobieren – kurzum: zum Leben – machen, finden Sie in Ingeborg Berta Hofbauers Buch „Rucksackgeschichten“.

Ich will niemals groß werden!

In meinem Mut-Blog stelle ich Bücher über und von Persönlichkeiten vor, die im Laufe meiner persönlichen Entwicklung MutmacherInnen waren.

Die Heldin meiner Kindheit: Pippi Langstrumpf

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„Ich will niemals groß werden. Große Menschen haben niemals etwas Lustiges. Sie haben nur einen Haufen langweilige Arbeit und komische Kleider und Hühneraugen und Kumminalsteuern.“ „Kommunalsteuer heißt es“, sagte Annika. „Ja, der gleiche Unsinn ist es in jedem Fall“ sagte Pippi.

(aus Pippi Langstrumpf von Astrid Lindgren)

Ich kann von Glück sagen, dass Mutter mich, ab meinem 5. Lebensjahr (ich konnte bereits mit 5 Jahren fließend lesen) mit Büchern versorgte. Das war der Beginn meiner Lesesucht. 3-4 Bücher pro Woche verschlang ich und wenn meine Freundinnen vor der Haustüre standen, um mich zum Spielen abzuholen, ließ ich mich verleugnen oder spielte auf krank, um lesen zu können. Meine Bücher waren meine besten Freunde – auch heute noch. Ich habe sie alle aufgehoben. Die vielen Abenteuergeschichten von Enid Blyton und andere Kinderbücher. Wobei Abenteuergeschichten mein Lieblingsgenre war – damals wie heute. Mein Dachboden ist voll mit den Büchern von damals. Von ihnen werde ich mich niemals trennen können.

Doch ein besonderes Buch steht nach wie vor in meiner Bibliothek. „Pippi Langstrumpf“. Die  große Heldin meines Kinderuniversums. Abgegriffen, da unzählige Male gelesen. Die Geschichten von einem unangepassten Mädchen, das alles machte, wozu es gerade Lust hatte, das frei und unabhängig war und ihren Reichtum dafür verwendete anderen zu helfen, und um Spaß zu haben. Ach wie liebte ich diese Geschichten.

Herrlich unpädagogisch und incorrectness

„Und wie kannst du überhaupt verlangen, dass ein kleines Kind, das eine Mutter hat, die ein Engel ist, und einen Vater, der Negerkönig ist, und das sein ganzes Leben lang auf dem Meer gesegelt ist. immer die Wahrheit sagen soll“

Pippi wirbelte die spießige Gesellschaft der kleinen Stadt in der sie lebte  ordentlich auf und zeigte den beiden wohlerzogenen und angepassten Nachbarskindern Annika und Thomas was Mut ist und worauf  es im Leben wirklich ankommt.

Pippi Langstrumpf weckte in mir eine unstillbare Sehnsucht. Die Sehnsucht nach einem freien und selbstbestimmten Leben.

Diese Sehnsucht begleitete mich über mein ganzes Leben und es gelang mir sie erfolgreich über zwei Jahrzehnte zu überhören. Ich hatte mich dem traditionell geprägten, gesellschaftlich anerkannten Leben auf dem Land angepasst und fand mich schlussendlich als Gefangene darin wieder.  Bis ich es irgendwann nicht mehr aushielt, die meisten Spielregeln brach, um auszubrechen und neu anzufangen. Diesen Prozess habe ich in meinem ersten Buch niedergeschrieben.

Rucksackgeschichten – Aufbruch in ein gelungenes Leben mit leichtem Gepäck

Weitere 10 Jahre vergingen, um wirklich frei zu sein.

Frei von Existenzängsten, frei von alten Denkmustern und Glaubenssätzen, frei davon, Anerkennung wichtiger Bezugspersonen zu bekommen. Auch frei davon,  den eigenen Selbstwert über einen Mann zu nähren, frei vom gängigen Mutterbild, frei vom gängigen Tochterbild. Frei zu entscheiden, für wen ich arbeite und für wen nicht und diese Entscheidung nicht vom Geld abhängig zu machen, sondern vom eigenen Wertekodex.

Pippi, meine Heldin aus frühen Kindertagen ist wieder bei mir eingezogen. Die das Leben feiert und das macht, wozu sie selbst Lust hat. Mit einem großen Herz für Schwache, Unterdrückte, weniger Privilegierte und  Hilfesuchende. Sie macht mir immer wieder Mut eingefahrene Sichtweisen zu ver-rücken.

„Vor allen Dingen möchte ich mir ein Klavier kaufen.“ „Ja, aber Pippi“, sagte Thomas. „Du kannst ja wohl nicht Klavier spielen!“ „Wie soll ich das wissen, wenn ich es noch nie versucht habe?“ sagte Pippi. „Ich habe niemals ein Klavier gehabt, auf dem ich es probieren konnte. Und das will ich dir sagen, Thomas, Klavier spielen ohne Klavier, dazu braucht man eine ungeheure Übung bis man es kann.“

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Rucksackgeschichten bestellen unter: Zur Buchbestellung

Ingeborg Berta Hofbauer

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