Tag: pilgern und reisen

Übergänge – Impressionen einer Pilgerwanderung

Pilger, hörst du den Ruf….

Wieder hatte mich der Ruf erreicht und ich breche auf zu einer Pilgerwanderung. Für mich heißt, zu einer Pilgerwanderung aufzubrechen, nicht wandern zu gehen, sondern mich auf einen spirituellen Weg zu machen, um mir selbst zu begegnen. Mir selbst und Gott. Das ist mein tieferes Verständnis von Pilgern. Pilgern als Metapher für den Lebensweg. Peregrinus – aus dem Lateinischen – bedeutet Fremder in der  Fremde.

Diesmal bin ich keine Fremde, sondern Einheimische. Ich pilgere den Heilbrunnweg in der Oststeiermark in meiner Heimat.

Mein Pilgerstab ist aus Ulmenholz:  Ich bin nach dem keltischen Baumkreis eine Ulme. Dieser Pilgerstab ist das sichtbare Zeichen, dass ich nicht Wanderin sondern Pilgerin bin.

Der Weg: Ein neu geschaffener Pilgerweg, rund um ein Heiligtum, ganz in der Nähe meines Wohnortes: „Maria Heimsuchung“ in Heilbrunn

Der Wegweiser: Ein blauer Wassertropfen

„Übergänge im Leben“ ist mein Thema auf diesem Pilgerweg.

„Ein Übergang ist jener Ort, an dem der Wald die Wiese ruft und die Wiese dem Wald antwortet.“

(Aus dem Buch „Der unendliche Augenblick“ von Natalie Knapp)

Als Pilgerin bin ich nun schon 57 Jahre auf dieser Erde unterwegs und habe schon einige Metamorphosen durchgestanden.Den „Übergängen in meinem Leben“ spüre ich auf diesem Weg nach und die Natur ist meine Impulsgeberin.

Ich starte beim Hotel-Gasthof Bauernhofer auf der Brandlucken und gehe, vorbei am Kornreitherhaus, zur kleinen Kapelle. Immer den blauen Wassertropfen folgend, führt der Weg durch den Wald, parallel zur Landstraße. Ich achte auf den „Übergang“ zwischen der Schnelligkeit der vorbeifahrenden Autos und der Langsamkeit meines Ganges im Rhythmus meines Herzschlages.

 

Übergänge: Stille und Lärm  – Natur und Technik – Vegetation und Asphalt – Langsamkeit und Schnelligkeit – Himmel und Erde.

Der Heilbrunnweg hat eine Überraschung bereit. Bei den einzelnen Stationen, die an besonderes schönen Plätzen installiert wurden, erwarten mich spirituelle Impulse. Digital kann man sich den jeweiligen Impuls über einen QR Code auf das Handy laden. Eine angenehme Männerstimme rezidiert einen Text.

Eine schöne Idee und eine Möglichkeit abzuschalten, den Gedanken eine andere Beschäftigung zu geben und sie vom Alltag abzulenken.

Auf einer Bank sitzend, betrachte ich die Landschaft und gehe in Dialog mit meiner inneren Landschaft.

 

Die Straße ist bis zu dieser Stelle noch immer präsent. Auch das ist eine gute Metapher zum Thema „Übergang“. Das langsame Lösen von der Hektik hin zur Stille. Ab der zweiten Station führt der Weg, vorbei an einer Kapelle, in die Natur.

Kühe lagern mitten auf dem Weg. Mich beschleicht Angst, denn ich hatte als Kind ein sehr schlimmes Erlebnis mit einer Kuh.

Der Übergang von der Angst zum Mut.

Fest nehme ich meinen Pilgerstab in die Hand und gehe sicheren Schrittes an den Kühen vorbei. 2 Kalbinnen stehen auf, als würden sie mir die Ehre erweisen. Neugierig schauen sie mich an und lassen mich unbehelligt vorbeiziehen.

An einem Brunntrog verweile ich abermals und kann von hier die Wallfahrtskirche: „Maria Heimsuchung“ im Ort Heilbrunn sehen.

 

Zum Mittagsleuten ziehe ich auf dem Kirchplatz ein und erfrische mich am heilenden Wasser des Brunnens. In der Kirche möchte ich eine Kerze anzünden und etwas spenden. Da bemerke ich, dass ich meine Geldtasche im Auto liegengelassen hatte. Anfangs verärgert, weil ich vor der Weiterwanderung zum Mittagessen beim Gasthof Bratl einkehren wollte, muß ich wohl oder übel hungrig weiterwandern. Ein Themenweg, von Kindern gestaltet, erwartet mich gleich hinter dem Gasthof Bratl. Bunte Ikonen säumen den Weg.

Den blauen Wassertropfen folgend, gehe ich still von Station zu Station, von einem digitalen Impuls zum nächsten. Der Akku meines Handys ist schon fast leer. Digitale Kontemplation. Warum nicht?

Und immer wieder begegne ich dem Thema „Übergang“.

„Wo der Wald die Wiese ruft und die Wiese dem Wald antwortet“

Wieder beim Auto angekommen merke ich, dass ich die ganze Zeit meine Geldbörse im Rucksack hatte. Es war ein Geschenk es nicht gefunden zu haben und ich dadurch meinen Weg nicht unterbrochen hatte. Bei der Rückfahrt hole ich in der Kirche und im Gasthof Bratl zufrieden das Versäumte nach.

Mein Tipp: Diesen Weg sollte man alleine gehen.

 

https://www.bergfex.at/sommer/steiermark/touren/wanderung/128221,heilbrunnweg/

http://www.hbweg.at/de/index.html

http://www.heilbrunnweg.at/

Zu meinen Büchern „Rucksackgeschichten“

 

 

Hinter dem Nebel

Es gibt im Leben Momente, in denen uns das Dasein plötzlich durchsichtig erscheint und wir das Gefühl haben, da ist mehr dahinter.

Wir sehen es nicht genau, aber wir fühlen es. So als würden wir durch ein Milchglas blicken und nur die Umrisse auf der anderen Seite wahrnehmen. Ein weiser Lehrer bezeichnete diese Momente als „durchgescheuerte Stellen“. Stellen, wo wir mit einer anderen Dimension – vielleicht dem Göttlichen – für einen kurzen Augenblick in Kontakt treten. So eine „durchgescheuerte Stelle“ erlebte ich in diesem Sommer.

Dieser Sommer wird für mich als der Sommer in Erinnerung bleiben, in dem mein Vater starb.

Das Schicksal wollte es, dass ich anfang dieses Sommers eine Gruppe von 18 Pilgerinnen und Pilger auf dem Jakobsweg durch das spanische Galizien bis nach Finisterre begleiten durfte. Dieser Pilgerweg, als Metapher für den Lebensweg, gab mir ausreichend Gelegenheit, mich mit dem Thema Leben, Sterben und Tod auseinanderzusetzen. Ich hatte mich vor meinem Aufbruch von meinem Vater verabschiedet, ihn aber gebeten auf mich zu warten. Er wartete. Die letzten Tage und Nächte verbrachte ich viel an seinem Sterbelager und ich ließ die gemeinsame Zeit an mir vorüberziehen. Alles war ausgesprochen und auch alles verziehen. Geblieben ist Dankbarkeit, Liebe und Zärtlichkeit.

In diesen Stunden stieg immer wieder ein wunderschönes Bild aus meinem Inneren auf. Der Sonnenuntergang am Kap Finisterre.

Die PilgerInnen meiner Gruppe und ich verstreuten uns über den Berg Monte Facho, hoch über dem Leuchttum. Von unseren Plätzen beobachteten wir   stundenlang die Natur und den Sonnenuntergang. Immer wieder hüllte der aufsteigende Nebel den Leuchtturm zur Gänze ein, so dass er völlig verschwand. Genauso plötzlich tauchte er wieder aus dem Nebel auf. Dieses Naturschauspiel drang tief und tröstlich in meine Seele und fand dort einen festen Platz.

Wieder zu Hause

An einem wunderschönen Sommernachmittag schlief mein Vater friedlich ein. Der Leuchtturm unserer Familie war im Nebel verschwunden. Nicht mehr für uns sichtbar und trotzdem da. Ein tröstlicher Gedanke.

Das Leben ist eine Pilgerreise

Brich auf, gehe los, lass das Alte hinter dir und schau nach vorn! Das Ziel, es ist noch weit entfernt. Du siehst es nicht, aber du spürst seine Kraft. Verheißungsvoll zieht es dich an und gibt dir die Kraft weiterzugehen.“ (Ingeborg B. Hofbauer Jakobsweg 2007)

 

Video über die Pilgerbegleiterin Ingeborg Berta Hofbauer

Pilgern! Mein Herz wird sofort berührt wenn ich dieses Wort höre und eine tiefe Sehnsucht ergreift mich.

Als ich 2007 zu meiner ersten Pilgerwanderung, von S. Jean Pied de Port am Fuße der Pyrenäen aufbrach, mit dem Ziel, 4 Wochen später in Santiago de Compostella zu sein, suchte ich weder Gott, noch hatte ich eine schwere Krankheit, noch war ich unglücklich. Mich trieb eine Sehnsucht, die ich nicht benennen konnte und äußere Umstände (eine Mongoleireise, die ich ursprünglich gebucht hatte, wurde abgesagt) führten dazu, dass ich die dafür reservierten Urlaubswochen dafür nützte, um  spontan auf den Jakobsweg  aufzubrechen.

Gott brauchte ich nicht zu suchen, denn in mir war bereits von Kindheit an, ein tiefes Vertrauen in eine göttliche Dimension eingepflanzt. Dieses Vertrauen half mir bereits am ersten Tag, wo ich allein bei Nebel und Regen über die Pyrenäen stapfte. Wie von unsichtbarer Hand geführt, erreichte ich wohlbehalten mein Ziel Roncevalles.

So glücklich und frei wie in diesen Wochen, war ich niemals zuvor in meinem Leben, sehr wohl aber viele Male danach. Das Pilgern wurde zu einem festen Bestandteil meines Lebens.

Der Pilger, die Pilgerin (lat.:peregrinatus=Fremder) heißt, als Fremde/r in der Fremde unterwegs sein.

Eine tiefe Verbundenheit und Betroffenheit spüre ich, wenn ich an die vielen Flüchtenden denke, die sich voller Hoffnung auf den Weg in die Fremde machen, um Schutz zu finden. Mir begegneten auf meinen vielen Pilgerwegen durchwegs positiv gesinnte Menschen, die mich herzlich willkommen hießen. Was ist der Unterschied zwischen mir und den vielen anderen Menschen, die derzeit nach Europa unterwegs sind? Ich vermute es ist der Umstand, dass ich meine Unterkunft bezahlen kann und am nächsten Tag wieder weiterziehe?

Das Pilgern ist meine persönliche Therapie, die ich regelmäßig in Anspruch nehme. Das Gehen in der Natur, vor allem auch im Wald (Tipp: Der Biophilia Effekt von Clemens G. Arvay) hat eine (messbar) heilende Wirkung auf mich.

Sobald ich merke, dass ich die Welt um mich herum nicht mehr aushalte, mache ich mich auf den Weg. Es ist auch das Ziel, das mir immer wieder die Kraft und Motivation gibt, aufzubrechen. Beim Pilgern wie auch im Leben.

Auf der Via Porta in Thüringen begegnete ich einem Paar aus Österreich. Ich erzählte begeistert und mit offenem Herzen von meinen Pilgerwegen. Die Frau machte folgende Bemerkung: “Jeder sammelt etwas, du also Pilgerwege“. Ich konnte darauf nichts erwidern, denn ich musste diesen Satz erst wirken lassen und darüber nachdenken.

„Nein“ ich sammle keine Pilgerwege weiß ich heute. Das ist im Sinne von haben wollen und ansammeln und das mündet meist in drückenden Ballast oder in Verpflichtungen. Ich suche nicht die Wege die ich gehe, die Wege finden mich. So auch die Via Porta, von deren Existenz ich, bis ein paar Monate vor meinen Aufbruch, nichts wusste.

Ebenso hat mich der Weg durch Slowenien, nach Triest ans Meer gefunden. Dazu hat mich meine Urgroßmutter Ernestine, die ich leider nie kennenlernen durfte, inspiriert. Als ledige Tochter einer slowenischen Dienstmagd im damaligen kaiserlichen Triest, wurde sie (1864) in einem Triestiner Krankenhaus geboren und in einem Kloster als Findelkind abgegeben. Sie wuchs in Skofja Loka auf und machte sich mit 20 Jahren (1884) mutig und allein auf den Weg in die Obersteiermark, um beim Bahnbau Arbeit zu finden. Eine schöne Geschichte. Doch welches Leid, welche Verletzungen und welche Demütigungen hinter diesem Mut gestanden hatten, bleibt der Phantasie überlassen. Ich konnte es leider nie in Erfahrung bringen. Unsere VorfahrInnen haben über diese Dinge geschwiegen oder wurden nicht danach gefragt.Ernestine fand nicht nur Arbeit, sondern auch meinen Urgroßvater und somit war mein Familienstammbaum begründet. Diesen Weg meiner Urgroßmutter, zu der ich eine tiefe seelische Verbindung spüre, wollte ich zurückgehen und fand tatsächlich eine Wegbeschreibung durch Slowenien nach Triest, vom Tiroler Autor Gerhard Pilgram.

Das Pilgern ist die beste Art die eigene Biografie aufzuarbeiten.

Beim Gehen steigen jene Themen aus dem Inneren hoch, die geheilt und wahrgenommen werden wollen. Es gibt Tage beim Pilgern, da heule ich stundenlang vor mich hin und fühle mich danach leicht und frei…und…geheilt. Doch nicht nur traurige Erinnerungen kommen hoch, sondern auch schöne und stärkende Geschichten werden wieder bewusst und können Wegweiser für die Zukunft sein.

Das Pilgern ist die beste Form der Reflexion.

Alle großen Veränderungen in meinem Leben, angenehme wie unangenehme, habe ich auf diese Art und Weise bewältigt und gelöst. Als ich mit 54 Jahren merkte wie sich mein Körper langsam veränderte und ich mich plötzlich mitten in den Wechseljahren wiederfand, geriet ich in Gefahr in eine depressive Phase abzugleiten. Ein Grund sich wiederum aufzumachen, mit dem Ziel, meinen inneren Frauen zu begegnen. Dem kleinen Mädchen, der jungen Frau, der reifen Frau und Mutter. Auf dieser Pilgerwanderung lernte ich die weise Frau in mir kennen und verliebte mich in sie.

Seitdem kann mich (frauenfeindliche) Werbung, die uns mit ihren Produkten ewige Jugend und Schönheit verspricht, nicht mehr verunsichern. Ich empfinde sie  verlogen und lächerlich.
Ich habe die starke weibliche Kraft in mir entdeckt. Niemals zuvor in meinem bisherigen Leben habe ich mich so unverletzlich und selbstbewusst gefühlt wie jetzt.

Ich  hege ich den Verdacht, dass diese o.e. Werbung darauf abzielt, uns dieser weiblichen Urkraft zu berauben. Die Werbung zielt darauf ab, uns Frauen von Produkten und künstlichen Schönheitsidealen abhängig zu machen und treibt uns dadurch in eine Konsumabhängigkeit.

Und während ich diesen Satz schreibe ruft mich aus Lugano in der Schweiz eine Telefonverkäuferin an und fragt welche Schönheitsprodukte ich verwende. Ich fasse es nicht. Kann das Zufalle sein?

Wir Frauen müssen auf der Hut sein und wir müssen lernen uns wieder unserer urweiblichen Kraft zu besinnen. Die Strategie der Kosmetikindustrie, Frauen schon ab jungen Jahren zu Junkees von Schönheitsmitteln und -operationen zu machen und ihnen bei Verweigerung zu vermitteln, dass sie erfolglos, hässlich und dadurch zu Menschen zweiter Klasse werden, ist diskriminierend und ist geradezu eine Verletzung unseres Menschenrechts.

Laut den Äußerungen eines Möchtegernpolitikers und Milliardärs sind wir nämlich auch Menschen

Ich färbe meine Haare seit meinem 54. Lebensjahr nicht mehr. Einige wenige Geschlechtsgenossinnen begegneten mir mit Kritik und Ablehung. Die Rückmeldung von anderen Frauen,wie sehr ich dadurch zu ihrem Vorbild geworden sei, ist mehr als ermutigend.

Beim Pilgern ist man vollkommen im „Hier und Jetzt“. Man bewegt sich in einer Parallelwelt. Wobei diese Parallelwelt viel intensiver und die Wahrnehmung viel schärfer ist, als  es im Alltag oft möglich ist.

Kürzlich sagte ein guter Freund: „Jeder findet seine Fluchtmöglichkeiten. Du beim Pilgern ich beim Malen.“ Ich musste nicht lange nachdenken, bis ich ihm antworten konnte:“Einspruch, das ist keine Flucht mein Lieber, das ist mein Leben. Ich bin Pilgerin nicht nur auf den vielen Wegen die ich gehe, sondern Pilgerin auf meinem  Lebensweg“.

Das was uns von Herzen erfüllt kann niemals Flucht sein, sondern es ist das, was uns bestimmt ist zu sein.Es ist das Bild, das Gott von uns hat und das ihm/ihr gefällt.

Wir sind dann mal weg – Jakobsweg 2016

Flughafen Wien Meeting Point. Eine Gruppe von 18 Personen, die einander noch nicht kennen, treffen einander, um zu einer ungewöhnlichen Reise aufzubrechen. Ausgestattet mit Bergschuhen, Stöcken und Rucksäcken. Vorsichtig werden die ersten Fühler ausgestreckt. „Wer sind die anderen, mit denen ich die nächsten 10 Tage auf Pilgerschaft gehe?“

Wolfgang und ich führen bereits zum vierten Mal eine Gruppe auf diese besondere Pilgerreise. „Blumen und Steine am Weg“ so lautet das Motto. Wir wandern auf den Spanischen Jakobsweg durch Galizien nach Santiago de Compostella. Es ist keine gewöhnliche Wanderung. Es ist eine Reise zu sich selbst. Jede Pilgerin und jeder Pilger bekommt von mir den Pilgerpass und ein Pilgerbegleitbüchlein ausgehändigt. Die Freude an diesen einfachen Schätzen ist groß.

Wir stellen einander kurz vor, bevor wir einchecken. Rucksäcke werden noch einmal überprüft, die Schlaufen gut verschnürt und die Stöcke verpackt. Die Anreise ist zwar etwas langwierig, jedoch steigt analog dazu die freudige Erwartung, gemischt mit einer Brise Anspannung.

Fragen wie: „werde ich es schaffen, komme ich wohl mit den anderen mit, ist mein Rucksack nicht doch zu schwer“ geistern im Kopf herum.

Sehr spät am Abend erreichen wir Ponferrada. Nach einem kleinen Stadtrundgang fallen alle müde in ihre Betten. Am nächsten Morgen fahren wir zum Ausgangspunkt unserer Wanderung. Ruitilan am Fuße des O Cebreios. Auf einem schönen Platz vor dem Brunnen cremen wir uns mit Sonnenschutz ein, schultern unsere Rucksäcke und stellen uns im Kreis auf. Für jeden Pilger und jede Pilgerin gibt es von mir ein kleines Briefkuvert, in dem ein persönlicher Herzensbegleiter in Form eines Spruches enthalten ist. Danach spreche ich den Pilgersegen und mit einem fröhlichen „Buen Camino“ starten wir los.

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Die Landschaft ist überwältigend.

Wir passieren einige Ansiedlungen und steigen langsam aber stetig bergan nach La Faba, unserer ersten Rast. La Faba ist eine Pilgerherberge mit einem kleinen Kirchlein. Dort holen wir uns den ersten Stempel für unsere Pilgerpässe ab und stärken uns. Ab nun geht es steil hinauf auf den O Cebreio. Das Wetter ist herrlich, die Landschaft grandios. Wir überschreiten die Grenze nach Galizien, die durch einen imposanten Grenzstein gekennzeichnet ist. Am späten Nachmittag erreichen wir das Keltendorf am O Cebreio. Auf dem Gipfelkreuz sitzen wir im Kreis. Wir singen und reflektieren den Tag.

Im Dorf steht die älteste Kirche auf dem Jakobsweg die Eclesia Santa Maria mit der wohl berühmtesten Marienstatue Santa Maria a Real. Auch die Büste neben der Kirche des Elias Valina Sampedro ist erwähnenswert. Er war jener Mann, der die Wiederbelebung dieses alten Pilgerweges vorantrieb.

Wir beziehen unsere gemütlichen und vorreservierten Zimmer und für jeden von uns beginnt nun jenes Pilgerritual, das uns in den weiteren Tagen begleiten wird. Körperpflege, Wäsche waschen, Tagebuch schreiben, ausruhen. Am Abend besuchen wir die Messe, denn es ist Sonntag und danach gibt es ein herrliches 3-Gänge Pilgermenü mit gutem Wein oder Cidre`, bei uns besser bekannt als Apfelmost.

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Jeden Morgen beginnen wir mit einem Morgenritual. Wolfgang leitet einfache Körperübungen zur bewussten Wahrnehmung an. Danach wird die Tagesetappe besprochen und ein Pilgerimpuls von mir mitgegeben. Nach dem Frühstück kann jeder entscheiden, ob er oder sie für sich allein gehen möchte, ob im Schweigen oder doch in Gesellschaft.

Der Weg ist gut markiert und jeder kennt die Adresse unseres Tageszieles. Jede Pilgerin und jeder Pilger kann für sich entscheiden wie er oder sie den Weg geht. Denn für jeden Pilger hält der Weg sein ganz individuelles „Geschenk“ bereit.

Abends treffen wir uns nach dem Körperpflege, Wäschewasch und Tagebuchschreib-Ritual in der Gruppe. Wir tauschen uns aus, singen gemeinsam, lachen und halten Andacht. Die Teilnahme ist selbstverständlich freiwillig. Doch alle freuen sich, auch von den anderen zu hören, wie sie den Tag erlebten und teilen gerne ihre eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse. Die Tagesetappen betragen zwischen 18 und 25 Kilometer und da doch jeder Rucksack ca. 8-10 kg schwer ist, sind alle am Abend ganz schön müde.

Das innere Strahlen jedes Einzelnen wird von Tag zu Tag deutlicher.

Manchmal gibt es kleine Wehwehchen und manchmal kann der Eine oder die Andere nicht weiter. Es gibt auf diesem Weg überall die Möglichkeit ein Taxi zu bestellen und ein Stück damit zu fahren. Es geht nicht darum, wieviel ich täglich an Kilometer „mache“, sondern darum, wie achtsam ich mit mir umgehe. Der Weg zeigt mir meine Themen und zeigt mir auch meine Grenzen. Diese Erfahrung ist das schönste Geschenk, das der Jakobsweg für mich bereithält. Leistungsdenken hat in dieser Gruppe nichts verloren. Es wird auch aufeinander geschaut und die Gemeinschaft wächst von Tag zu Tag.

Galizien ist landschaftlich wohl der schönste Teil des Jakobsweges, aber auch die ärmste Gegend Spaniens. Gerade deshalb ist dieser Weg so reizvoll. Es kann durchaus passieren, das eine Herde Kühe entgegenkommt und danach der Weg voll Kuhfladen ist. Einmal ist sogar eine Pilgerin ausgerutscht und mit dem Gesicht voll……Gott sei Dank ist nicht viel passiert. Und am Ende haben alle darüber lachen können.

Weitere Höhepunkte auf diesem Weg sind der Alto de Poio, das Kloster Samos, Portomarin, aber auch das Pulpoessen in Melide, die vielen Horreros (Getreidespeicher), alte steinerne Wegkreuze und nicht zuletzt die Blumen und Steine am Weg. Sie begegnen uns im Innen, wie im Außen.

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Wir stehen auf dem Monto de Gozo (den Berg der Freude) und blicken voller Freude nach Santiago.

Von Ferne sieht man die Kirchturmspitzen der Kathedrale schemenhaft im Dunst. „Ultreija“! ist der Ruf der Pilger und heißt vorwärts, vorwärts Santiago zu. Die Ortstafel SANTIAGO begrüßt uns. Lärm und Straßenverkehr begleiten uns auf den letzten Schritten. Lange, lange erscheint der Weg in die Stadt, doch plötzlich stehen wir auf dem Obradoiro Platz vor der beeindruckenden Kathedrale. Wir umarmen uns, machen Fotos, singen und sind überglücklich. Schweigend und berührt schreiten wir ins Innere der Kirche, jeder mit seinem Rucksack auf dem Rücken. Traditionsgemäß umrunden wir die Jakobusstatue. Dieses Ritual beendet den Jakobsweg. Über Jahrhunderte taten dies Millionen von PilgerInnen ebenso. Danach holen wir uns die Compostella im Pilgerbüro ab. Es ist die Bescheinigung, dass wir den Weg zu Fuß gegangen sind.

Am nächsten Tag besuchen wir die Pilgermesse und danach besichtigen wir die Stadt. Eine pulsierende Universitätsstadt ist Santiago de Compostella, nicht nur voll von  PilgerInnen, nein, viele Menschen, Jung und Alt aus der ganzen Welt sind hier.  Tags darauf fahren wir mit dem Bus nach Finisterre. Das „Ende der Welt“, wo wir auf dem Felsen unter dem Steinkreuz unsere Pilgerreise mit einem Ritual abschließen.

Die PilgerInnen holen ihren, anfangs von mir ausgeteilten Herzensspruch hervor und bedanken sich bei mir. „Es war genau der Richtige Spruch für mich“ wird mir von allen bestätigt. Warum ich das wusste? Ja, das ist mein Geheimnis.

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Ein weiterer Höhepunkt ist das Abschlussessen im besten Fischrestaurant Galiziens. Die Tische biegen sich unter den Platten mit Köstlichkeiten.

Danach springen noch ein paar Mutige in den eiskalten Atlantik, bevor wir zurückfahren.

Der Tag der Heimreise ist angebrochen.

Ein Sprichwort sagt: “Kein Pilger kommt von seiner Reise zurück, ohne ein Vorurteil weniger und einer Erfahrung mehr“.

Flughafen Wien Ankunftshalle.

Wir sind wieder am Ausgangspunkt angelangt. Gemeinsam singen wir noch ein Lied „Bruder Jakob, Bruder Jakob, hörst du mich…..“. Wolfgang und ich verabschieden uns mit einem Reisesegen:

Mögen die Straßen dir freundlich entgegen kommen.

Der Wind in deinem Rücken sein und die Sonne dir warm ins Gesicht scheinen.

Möge der Regen sanft auf deine Felder fallen und bis wir uns wiedersehen, möge Gott schützend

seine Hand über dir halten.

 

Auch 2017 gehen wir wieder auf den Jakobsweg durch Galizien. 8.-19.Juli

 

 Video über die Pilgerbegleiterin Ingeborg Berta Hofbauer. Aufgenommen auf einer Pilgerwallfahrt 2015

Diese Reise wird von Olivareisen organisiert

Infopaket anfordern unter: wolfgang.kubassa@outdoorwolf.at

 

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