Auf den Spuren der Fischer und Bauern!

Unterwegs auf der Rota Vicentina

Kurz und Wissenswert

Die Rota Vicentina ist ein Netz von Wanderwegen im Südwesten Portugals. Der Fischerpfad führt über 120 km in 5 Etappen entlang der Küste, der Historische Weg über 230 km in 12 Etappen durch das Landesinnere.

Die Wege sind ausgezeichnet markiert. Ein Verlaufen praktisch unmöglich, da falsche Abzweigungen mit einer durchgestrichenen Markierung gekennzeichnet sind.

Der Historische Weg wurde 2016 von der Europäischen Weitwandervereinigung zum Leading Quality Trial – Best of Europe ausgezeichnet und darf sich seither zum exklusiven Kreis der besten Weitwanderwege Europas zählen.

Ein Auszug aus der Philosophie des Vereins der Rota Vicentina

„Mit dem Bewusstsein, dass es sich bei dieser Region um eines der letzten und gefährdeten Wildgebiete der südeuropäischen Küste handelt, sind Unternehmer, Institutionen und Bevölkerung fest entschlossen, ihre Einzigartigkeit zu erhalten und sich dafür auch einzusetzen. Es motiviert, zu einer Entwicklung beizutragen, die sich an den naturgegebenen und kulturellen Werten orientiert. Eine solche Entwicklung sichert den ganzjährigen Betrieb kleiner lokaler Geschäfte und öffnet Menschen aus aller Welt den Zugang zu einer lebendigen, ursprünglichen Lebensform mit ausgeprägtem Charakter.“

Aufbruch

In den Osterferien 2018 machten mein Bruder Peter und ich uns auf, um die ersten 5 Etappen dieses Historischen Weges zu wandern.

anreise

Flug: Wien Lissabon mit TAP Airlines, Weiterfahrt am selben Tag mit dem öffentlichen Bus von Lissabon nach Porto Covo

Wanderstrecke
  1. Tag: Porto Covo nach Cercal do Alentejo 18 km
  2. Tag: Cercal do Alentejo nach S.Luis 21 km
  3. Tag: S. Luis nach Odemira 25 km
  4. Tag: Odemira nach S. Teotonio 19 km
  5. Tag: S. Teotonio nach Odeceixe 17 km

Unsere Wanderung führte zu 98 % auf Naturwegen und Waldpfaden.

Geschwister machen sich auf den weg

Rückblende 50 Jahre zuvor: Peter und ich zogen mit Polster, Tuchent und Kuschelbär bepackt von zu Hause aus, um bei unserer Oma, die 200 m weiter entfernt wohnte, zu übernachten.

50 Jahre später

Die letzten Monate waren für jeden von uns emotional intensiv und mitunter nervenaufreibend. Nach dem Check-in am Flughafen Wien fielen plötzlich sämtliche Alltagsrollen von uns ab, als mein Bruder einen Piccolosekt hervorzauberte, um auf das Kommende anzustoßen. Es löste die Spannung und machte uns gelassener gegenüber dem Stress der Anreise. Dieser erste Tag hatte einen straffen Zeitplan. In Lissabon mussten wir vor der Weiterreise nach Porto Covo unser zusätzliches Gepäck für den, an die Wanderung anschließenden viertägigen Aufenthalt, bei unserem Airbnb Vermieter deponieren und den letzten Bus nach Porto Covo um 19 Uhr erwischen.

Schlagzeilen einer Anreise

Die TAP hatte Verspätung und wir kamen viel zu spät in Lissabon-Airport an. Zu langes Warten auf das Gepäck. Nachdem wir die Schlange am Taxistand gesehen hatten, wurde uns klar: „Das schaffen wir nie und nimmer“. Da kam uns das Insiderwissen von Peter, der schon öfters in Lissabon war, zu Hilfe. Wir schummelten uns durch das Flughafengebäude zur Abflughalle durch und schnappten uns das erste ankommende Taxi. Mit einem Höllentempo raste dieses durch die Stadt zur Wohnung. Dem Taxifahrer schien das einen Mordsspaß zu machen, denn er überschritt jede Geschwindigkeitsbegrenzung und hupte sich durch. Vor dem Haus wartete schon die von mir per SMS informierte Vermieterin, der wir unsere beiden Köfferchen überließen, um mit halsbrecherischem Tempo zum Busbahnhof weiterzufahren. Rushhour! Unser Taxler schlängelte sich hupend durch den Abendverkehr und wir schafften es rechtzeitig, kurz vor der Abfahrt des letzten Busses. Es folgten entspannte drei Stunden Fahrt nach Porto Covo, wo wir um 22 Uhr im Hostal Ahoy einlangten. Der Besitzer Nicolau empfing uns mit einem herzlichen „No Stress“.

Ab sofort No Stress

Bom dia: Gemütlich frühstückten wir am ersten Morgen unserer Trekkingtour in einem Cafe‘. Der Espresso kostete 90 Cent und dieser erfreuliche Umstand an niedrigen Preisen, begleitete uns in den nächsten fünf Tagen.

 

Im Vorfeld habe ich ein paar Höflichkeitsfloskeln auf Portugiesisch gelernt. Diese, zusammen mit meinen ganz guten Italienischkenntnissen und mein passables Englisch, brachten eine einigermaßen gelungene Konversation mit den Einheimischen zustande. Das ließ Peter, dessen Schwerpunkte mehr im Technischen zu finden sind, zu der Aussage hinreißen: „Du kannst ja perfekt Portugiesisch“, was wiederum bedeutete, dass es auf jeden Fall für ihn nicht Spanisch klang.

Es war an der Zeit die Rucksäcke zu schultern und aufzubrechen.

Die ersten fünf Kilometer wanderten wir auf dem Fischerpfad, entlang der Atlantikküste. Die Sonne und der Wind, die Meeresbrandung, die Flora und die bizarren Ausformungen der Küste, das Geschrei der Möwen und der Duft der Kräuter verschlug uns ohnehin die Sprache. Es war schlicht und ergreifend schön, ja beinahe berauschend.Beim Kastell drehten wir dem Atlantik und dem Fischerpfad den Rücken zu, um auf dem Historischen Weg weiterzuwandern. Zum Abschied noch ein Glas Weißwein auf der Terrasse einer Strandbar. Überhaupt hatte es uns der Portugiesische Weißwein angetan, der meist aus Plastikflaschen ausgeschenkt, überraschend frisch und leicht war und gut schmeckte.

Auch war uns bald klar, warum die Rota Vicentina zu den schönsten Weiterwanderwegen Europas gehört. Die Landschaft, die wir durchwanderten, war weitgehend unberührt. Hauptsächlich genutzt für Schaf- und Ziegenweiden. Die Orangenbäume trugen schwer an den schon überreifen Orangen. Ein unvergleichlicher Genuss, frische Orangen direkt vom Baum zu genießen. Tief beeindruckten uns die majestätischen Korkeichen. Dunkle riesige Bäume, manche in der Größe eines Einfamilienhauses, die eine ganz besonders friedliche Stimmung und positive Energie ausstrahlten. Ein riesiger Kamelienbaum in voller Blüte erwartete uns am Ortseingang von Cercal do Alentejo.

 

 

 

Ein traumhafter erster Wandertag lag hinter uns und das Abendessen bei Mama Maria in Cercal do Alentejo war ein Erlebnis der Extraklasse. Brav mussten wir in der Bar warten, bis wir um exakt 19 Uhr von Mama Maria in den Speisesaal gebeten wurden. Dort erwartete uns ein gedeckter Tisch und die traditionelle Portugiesische Gemüsesuppe dampfte bereits in den vorbereiteten Tellern. Der Raum füllte sich während des Abends und Mama Maria wuselte zwischen den Tischen hindurch und fand sogar die Zeit sich mit mir auf Portugiesisch zu unterhalten. Wir verstanden einander prächtig. Von ihr lernte ich, dass der Weißwein vinho branco hieß. Ein überaus wichtiges Vokabel fanden Peter und ich. Zur Vervollständigung: der Rotwein heißt vinho tinto. Zufrieden und müde fielen wir in unsere Betten in unserem schönen und neurenovierten Hotel im Stadtzentrum. Boa noite.

Bom dia. Der nächste Tag begrüßte uns mit Regen. Ab Mittag hellte es auf und die nächsten Tage hatten wir warmes schönes Wanderwetter. Unsere Wanderung führte sanft auf und ab, über Hochebenen, von denen wir immer wieder das Meer erblicken konnten. Am dritten Tag führte der Weg vor allem an Flussläufen entlang und wir mussten mehrmals Bach- und Flussbette durchqueren. Immer wieder begeisterte mich die Pflanzenvielfalt und der Duft unzähliger Kräuter, Blumen und Wildsträucher. Jeder Tag hatte eine andere schöne landschaftliche Überraschung bereit.

Wichtiger HinweisEi

Bei Regenfällen kann es durchaus vorkommen, dass die Flüsse Hochwasser führen. Mangels Brücken wird eine Durchquerung zur echten Herausforderung und es kann vorkommen, dass eine Durchquerung gefährlich werden kann, zumindest wird man ziemlich nass.

Doch wir hatten Glück und konnten trockenen Fußes die Flüsse durchqueren. Es begegneten uns kaum Menschen. Einzig das Zwitschern der Vögel begleiteten uns und ab- und zu sahen wir verfallene Anwesen und verlassene kleine Dörfer und immer wieder Ziegen- und Schafherden.

Die Architektur der Ortschaften präsentierte sich aus schmalen und niedrigen, eng aneinandergebauten Häusern, die alle gut renoviert aussahen. Eine Hauptstraße führte in die Ortsmitte mit der Kirche, kleinen Geschäften und Bars.

Nicht schön waren vereinzelte Wegstrecken durch Eukalyptuswälder. Wo ein Eukalyptuswald ist, da ist alles tot. In einem Eukalyptuswald wächst nichts anderes mehr und man spürt keinerlei Leben. Eine bedrückende Stimmung. Zweimal mussten wir über einen Berg, wo man diese Eukalyptuskulturen rodete. LKW‘s, Bagger und anderes schweres Gerät hatten alles zerstört. Die Erde klaffte wie eine offene Wunde. Wir merkten regelrecht, wie uns die Kraft rausgesaugt wurde. Unser Vermieter am Abend sagte uns, dass man Brandschneisen zum Schutz der Orte bauen muss und erinnerte uns an die verheerenden Waldbrände 2017 mit vielen Toten. Eukalyptus brennt wie Zunder und es gibt bereits Initiativen zur Aufforstung von Korkeichen, die den Bränden besser widerstehen.

Can i help you

Die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit der Menschen begeisterten uns. Wenn wir in einem Ort suchend herumschauten, kam sofort ein freundliches „Can i help you“? Abends, wenn wir unser Ziel erreicht hatten, war unser erste Weg in eine Bar. Die Beendigung der Tagesetappen mit einem Glas vinho branco wurde zum alltäglichen Ritual. Natürlich aus der Plastikflasche gereicht mit Erdnüssen.

Saures und Salziges bringt den Elektrolythaushalt wieder ins Gleichgewicht.

Unsere Quartiere haben wir im Voraus über Booking.com gebucht. Über die Homepage der Rota Vicentina kann man außerdem Quartiere vorreservieren.

So früh im Jahr kann es sein, dass man zu den ersten Gästen gehört, was mit sich bringt, dass die Quartiere kalt und feucht sein können.

Unsere waren es ausnahmslos. Die Lösung stellte für den Architekten und der Baubiologin keine große Herausforderung dar: Abwechselnd heizen und lüften. Sich erwärmende Luft nimmt eine große Menge Flüssigkeit auf, die dann über das Stoßlüften abtransportiert wird. Also hieß es, wollten wir nicht in kaltfeuchten Betten schlafen, bei der Ankunft zunächst aus allen Rohren abwechselnd heizen (mit der Klimaanlage und mitunter auch mit Föhn) und stoßlüften. Nach einer Stunde waren die Zimmer und die Bettwäsche einigermaßen trocken.  Das beste Quartier und ein üppiges Frühstücksbuffet fanden wir in S. Luis, zwei Kilometer außerhalb des Ortes vor. Der Besitzer vom Monte Pedras holte uns mit dem Auto von der Bar – wo wir unseren Weißwein süffelten –  im Ortszentrum ab. Der Taxidienst funktionierte überhaupt an diesem Tag bestens. Um 19 Uhr wurden wir zum Essen abgeholt und um 21 Uhr wieder ins Quartier zurückgebracht. Es schien fast so, als kümmerte sich der ganze Ort um uns Wanderer aus Österreich. Denn bis auf ein deutsches Pärchen Ole und Anna, begegneten uns auf dem Weg keine weiteren Wanderer.

Die meisten Wanderer, vorwiegend junge Menschen, gehen den, an der Atlantikküste entlangführenden Fischerpfad.

Die Städtchen Odemira und Odeceixe sind die Höhepunkte der Wanderung. In Odemira befindet sich das Büro der Rota Vicentina und hat neben einer bezaubernden Innenstadt auch großartige Gastronomie zu bieten. Das Hostal WOW Alentejo im Stadtzentrum von Odemira ist das ideale Quartier für Wanderer. Liebevoll eingerichtet und sehr zweckmäßig ausgestattet. Mit Küche, Waschmaschine und Wäschetrockner.

Der letzte Tag führte uns wieder durch abwechslungsreiche Landschaften und in Odeceixe war unser Weg leider zu Ende. Wir waren wieder am Atlantik angekommen.

Wanderer, die auf dem Fischerpfad hierherkommen, können über den Historischen Weg zurück nach Porto Covo gehen.

Beeindruckende Bilder am Strand von Odeceixe. Der Schönste, den ich je gesehen hatte. Hier mündet der Fluss Ribeira de Seixe.

Das Hotel Casa Antiga verfügt über eine gute Küche, jedoch lohnt es sich in Richtung Leuchtturm zu wandern, wo ein weiteres hervorragendes Restaurant zu finden ist. Ein Abschlussgetränk in einer Bar, wo wir andere Wanderer aus Österreich trafen. Odeceixe ist ein Hotspot, weil hier der Fischerweg mit dem Historischen Weg zusammentrifft.

Die Rückfahrt gestaltete sich äußerst angenehm. Von Odeceixe fährt um ca. 9 Uhr von der Bushaltestelle am Ortsrand ein Bus nach Lissabon. Unbedingt im Ort vorher ein Ticket kaufen. Ab 8 Uhr morgens in einer Bar.

www.rotavicentina.com

Mein nächser Blog: Saudade – Lissabon die Stadt des Lichts

Fotos: Peter und Ingeborg Hofbauer