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Angebot: Wandern und Biografiearbeit Sommer 2016 in Tirol

„A Bam kaun net wochsn wenn er kan Bodn hat“

Dieser Satz hat sich tief in die Erinnerung meines Vaters eingegraben und dieser Satz veränderte sein Leben nachhaltig und wahrscheinlich auch meines.

Im Rahmen meiner Ausbildung zur zertifizierten Biografiebegleiterin, welche eine wertvolle Bereicherung meines Rucksackangebotes® ist, wählte ich die Lebensbiografie meines Vaters für meine Projektarbeit. Eine der ersten von vielen weiteren wertvollen Erkenntnissen war die, dass vor allem jene Eigenschaften meines Vaters, gegen die ich in meinen jungen Jahren am meisten rebellierte, die größten Stärken und Ressourcen meiner eigenen Biografie darstellten.

Was ist Biografiearbeit?

Nach Ruhe (1998) ist es der „Versuch, Mensch-Sein als Körper, Geist und Seele in den individuellen, gesellschaftlichen und tiefenpsychologischen Dimensionen wahrzunehmen. In der Rückschau auf das eigene Leben, geschieht Einbettung in das gesellschaftliche Leben, wächst Verständnis für das Eigene. Biografiearbeit ermöglicht, sich sinnhaft als Bestandteil eines Kontinuums zu definieren.“
Kurz: Biografiearbeit ist die Reflexion der Vergangenheit zur Gestaltung der Zukunft. Es ist „strukturiertes, angeleitetes Erinnern“

Zurück zur Biografie meines Vaters. Mit seinen 89 Jahren(1927) hat er einen unglaublich scharfen Verstand, obwohl mitunter seine Alterssturheit für uns Familienmitglieder manchmal eine Herausforderung darstellt.

„Einmal Chef, immer Chef“

meinte eine Bekannte lapidar, während sie eine seiner Aktionen live miterlebte. Bei einem ihrer Besuche standen wir ins Gespräch versunken im Garten, als mein Vater hinzutrat und mich beauftragte auf der Stelle und sofort eine Leiter an den Kirschbaum anzulehen. Besuch hin oder her, die Kirschen waren zu ernten und jede Minute, die dies hinauszögerte, war seiner Meinung nach reine Verschwendung und sein Anliegen hatte deshalb höchste Priorität. Da half kein argumentieren – von wegen Besuch und so – was Sache ist, ist Sache und sein Hörapparat – wie sollte es anders sein – funktionierte in diesen Momenten ohnehin nie. So schleppten wir, meine Bekannte und ich, die Leiter herbei und lehnten sie an den Baum. Ich kochte vor Wut, aber die Welt war gerettet für meinen Vater und er stieg,trotz massiver Proteste, seitens meiner Mutter und mir, auf die Leiter. Sein Gesichtsausdruck voll Glückseligkeit, beim Genuss der ersten Kirschen, ließ meine Wut sofort verrauchen und wich einem Lächeln. Ja, einmal Chef immer Chef. Durchsetzen konnte er sich, der alte Mann. Eine Stärke, die ich zu hundert Prozent geerbt hatte.

Doch um Chef zu werden musste mein Vater einen steinigen Weg beschreiten.

Für jemanden, der nur die Volksschule besucht hatte, war dies mit harter Arbeit, lernen und großem Durchhaltevermögen verbunden. In den Wintern 1956-1957 bereitete sich mein Vater an der Ortweinschule in Graz auf die Zimmermeisterprüfung vor und legte diese erfolgreich 1958 ab.

Doch die Hürden waren damit noch lange nicht überwunden.Der damalige Bürgermeister unternahm alles, damit mein Vater keinen Betriebsstandort in seiner Heimatgemeinde bekam.

Die Intrigen gegen den „Häuslerbuam“, dem „Habenichts“ trieben arge Blüten.

Trotz der vielen Knüppel, die meinem Vater zwischen die Beine geworfen wurden, ließ er sich nicht entmutigen und gewann  durch seine gesellige und weltoffene Art, seinem großem Handwerkstalent und nicht zuletzt durch sein Spiel auf der Steirischen Ziehharmonika, viele Gönner, Förderer und Kunden.Sein Onkel schenkte meinem Vater Grund und Boden für die Gründung seines Betriebes mit den eingangs zitierten Worten.

„Man muss Respekt und Wertschätzung gegenüber jenen Menschen haben, die für einen arbeiten“.

Diese Botschaft bekam ich von Kindesbeinen an mit. Nicht ein einziges Mal in all den Jahren musste in unserer Firma ein Arbeiter auf seinen Lohn warten. Auch hatte mein Vater manchen seiner Arbeiter mit einem zinsenlosen Kredit die Familien bzw. Existenzgründung ermöglicht.

Als ich viele Jahre später einen Lehrgang zur Zertifizierung als Nachhaltigkeitsmanagerin besuchte, konnte ich mehrmals die Feststellung machen:

Das was hier als Social Entrepreneurship verkauft wird, lebte mein Vater bereits vor 40 Jahren und ist ebenso für mich eine Selbstverständlichkeit“.

Mein Vater war innovativ und blickte über den Tellerrand hinaus. Zum Beispiel brachte er von einer beruflichen Auslandsreise mit der Wirtschaftskammer, eine neue Geschäftsidee mit nach Hause. Diese setzte er sofort um und sein Kleinunternehmen wuchs dadurch in den Siebzigerjahren zum mittelständischen Betrieb mit 35 Mitarbeitern heran.

Mut, Durchhaltevermögen, Zielorientierung, Durchsetzungskraft, Weltoffenheit, Neugier, Fleiß, unternehmerisches Geschick, eine Brise Schlauheit und Glück, verbunden mit sozialer Verantwortung gegenüber seinen Mitarbeitern, machten meinen Vater weit über die Grenzen seiner Heimatgemeinde bekannt und man brachte ihm große Anerkennung und Respekt ein. Bis heute.

Welchen Gewinn kann man persönlich in der Auseinandersetzung mit seiner Biografie ziehen?

Im Rahmen meiner Ausbildung tauchte ich tief in meine eigenen Wurzeln ein und konnte meinen Werdegang besser verstehen. Vor allem aber durfte ich feststellen, dass ich meine Fähigkeiten und Talente zum großen Teil meinem Vater zu verdanken hatte, ebenso meine weltoffene Haltung vor allem gegenüber Fremden. Dies erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit.

Biografiearbeit ist keine Psychotherapie, sondern eine strukturierte Anleitung zur Erinnerung. Vorwiegend wird Biografiearbeit bei alten Menschen und Menschen mit Behinderungen eingesetzt.

Biografiearbeit kann jedoch gerade in dieser rastlosen Zeit eine Möglichkeit des sich besinnens anbieten. Sie bietet die Chance Schätze in der eigenen Geschichte, aber auch in der Unternehmensgeschichte zu entdecken und zu heben. Sie kann die Basis für tragfähige Entscheidungen sein.

Ich persönlich habe bei meiner eigenen Biografiearbeit und bei der Biografiearbeit mit meinem Vater ein starkes Selbstwertgefühl gewonnen und ein Bewusstsein von Kraft, die man nur aus den eigenen Wurzeln schöpfen kann.

Möglichkeit zur Arbeit an der eigenen Biografie von 8-12.August 2016 in Tirol Stift Fiecht