Flughafen Wien Meeting Point. Eine Gruppe von 18 Personen, die einander noch nicht kennen, treffen einander, um zu einer ungewöhnlichen Reise aufzubrechen. Ausgestattet mit Bergschuhen, Stöcken und Rucksäcken. Vorsichtig werden die ersten Fühler ausgestreckt. „Wer sind die anderen, mit denen ich die nächsten 10 Tage auf Pilgerschaft gehe?“

Wolfgang und ich führen bereits zum vierten Mal eine Gruppe auf diese besondere Pilgerreise. „Blumen und Steine am Weg“ so lautet das Motto. Wir wandern auf den Spanischen Jakobsweg durch Galizien nach Santiago de Compostella. Es ist keine gewöhnliche Wanderung. Es ist eine Reise zu sich selbst. Jede Pilgerin und jeder Pilger bekommt von mir den Pilgerpass und ein Pilgerbegleitbüchlein ausgehändigt. Die Freude an diesen einfachen Schätzen ist groß.

Wir stellen einander kurz vor, bevor wir einchecken. Rucksäcke werden noch einmal überprüft, die Schlaufen gut verschnürt und die Stöcke verpackt. Die Anreise ist zwar etwas langwierig, jedoch steigt analog dazu die freudige Erwartung, gemischt mit einer Brise Anspannung.

Fragen wie: „werde ich es schaffen, komme ich wohl mit den anderen mit, ist mein Rucksack nicht doch zu schwer“ geistern im Kopf herum.

Sehr spät am Abend erreichen wir Ponferrada. Nach einem kleinen Stadtrundgang fallen alle müde in ihre Betten. Am nächsten Morgen fahren wir zum Ausgangspunkt unserer Wanderung. Ruitilan am Fuße des O Cebreios. Auf einem schönen Platz vor dem Brunnen cremen wir uns mit Sonnenschutz ein, schultern unsere Rucksäcke und stellen uns im Kreis auf. Für jeden Pilger und jede Pilgerin gibt es von mir ein kleines Briefkuvert, in dem ein persönlicher Herzensbegleiter in Form eines Spruches enthalten ist. Danach spreche ich den Pilgersegen und mit einem fröhlichen „Buen Camino“ starten wir los.

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Die Landschaft ist überwältigend.

Wir passieren einige Ansiedlungen und steigen langsam aber stetig bergan nach La Faba, unserer ersten Rast. La Faba ist eine Pilgerherberge mit einem kleinen Kirchlein. Dort holen wir uns den ersten Stempel für unsere Pilgerpässe ab und stärken uns. Ab nun geht es steil hinauf auf den O Cebreio. Das Wetter ist herrlich, die Landschaft grandios. Wir überschreiten die Grenze nach Galizien, die durch einen imposanten Grenzstein gekennzeichnet ist. Am späten Nachmittag erreichen wir das Keltendorf am O Cebreio. Auf dem Gipfelkreuz sitzen wir im Kreis. Wir singen und reflektieren den Tag.

Im Dorf steht die älteste Kirche auf dem Jakobsweg die Eclesia Santa Maria mit der wohl berühmtesten Marienstatue Santa Maria a Real. Auch die Büste neben der Kirche des Elias Valina Sampedro ist erwähnenswert. Er war jener Mann, der die Wiederbelebung dieses alten Pilgerweges vorantrieb.

Wir beziehen unsere gemütlichen und vorreservierten Zimmer und für jeden von uns beginnt nun jenes Pilgerritual, das uns in den weiteren Tagen begleiten wird. Körperpflege, Wäsche waschen, Tagebuch schreiben, ausruhen. Am Abend besuchen wir die Messe, denn es ist Sonntag und danach gibt es ein herrliches 3-Gänge Pilgermenü mit gutem Wein oder Cidre`, bei uns besser bekannt als Apfelmost.

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Jeden Morgen beginnen wir mit einem Morgenritual. Wolfgang leitet einfache Körperübungen zur bewussten Wahrnehmung an. Danach wird die Tagesetappe besprochen und ein Pilgerimpuls von mir mitgegeben. Nach dem Frühstück kann jeder entscheiden, ob er oder sie für sich allein gehen möchte, ob im Schweigen oder doch in Gesellschaft.

Der Weg ist gut markiert und jeder kennt die Adresse unseres Tageszieles. Jede Pilgerin und jeder Pilger kann für sich entscheiden wie er oder sie den Weg geht. Denn für jeden Pilger hält der Weg sein ganz individuelles „Geschenk“ bereit.

Abends treffen wir uns nach dem Körperpflege, Wäschewasch und Tagebuchschreib-Ritual in der Gruppe. Wir tauschen uns aus, singen gemeinsam, lachen und halten Andacht. Die Teilnahme ist selbstverständlich freiwillig. Doch alle freuen sich, auch von den anderen zu hören, wie sie den Tag erlebten und teilen gerne ihre eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse. Die Tagesetappen betragen zwischen 18 und 25 Kilometer und da doch jeder Rucksack ca. 8-10 kg schwer ist, sind alle am Abend ganz schön müde.

Das innere Strahlen jedes Einzelnen wird von Tag zu Tag deutlicher.

Manchmal gibt es kleine Wehwehchen und manchmal kann der Eine oder die Andere nicht weiter. Es gibt auf diesem Weg überall die Möglichkeit ein Taxi zu bestellen und ein Stück damit zu fahren. Es geht nicht darum, wieviel ich täglich an Kilometer „mache“, sondern darum, wie achtsam ich mit mir umgehe. Der Weg zeigt mir meine Themen und zeigt mir auch meine Grenzen. Diese Erfahrung ist das schönste Geschenk, das der Jakobsweg für mich bereithält. Leistungsdenken hat in dieser Gruppe nichts verloren. Es wird auch aufeinander geschaut und die Gemeinschaft wächst von Tag zu Tag.

Galizien ist landschaftlich wohl der schönste Teil des Jakobsweges, aber auch die ärmste Gegend Spaniens. Gerade deshalb ist dieser Weg so reizvoll. Es kann durchaus passieren, das eine Herde Kühe entgegenkommt und danach der Weg voll Kuhfladen ist. Einmal ist sogar eine Pilgerin ausgerutscht und mit dem Gesicht voll……Gott sei Dank ist nicht viel passiert. Und am Ende haben alle darüber lachen können.

Weitere Höhepunkte auf diesem Weg sind der Alto de Poio, das Kloster Samos, Portomarin, aber auch das Pulpoessen in Melide, die vielen Horreros (Getreidespeicher), alte steinerne Wegkreuze und nicht zuletzt die Blumen und Steine am Weg. Sie begegnen uns im Innen, wie im Außen.

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Wir stehen auf dem Monto de Gozo (den Berg der Freude) und blicken voller Freude nach Santiago.

Von Ferne sieht man die Kirchturmspitzen der Kathedrale schemenhaft im Dunst. „Ultreija“! ist der Ruf der Pilger und heißt vorwärts, vorwärts Santiago zu. Die Ortstafel SANTIAGO begrüßt uns. Lärm und Straßenverkehr begleiten uns auf den letzten Schritten. Lange, lange erscheint der Weg in die Stadt, doch plötzlich stehen wir auf dem Obradoiro Platz vor der beeindruckenden Kathedrale. Wir umarmen uns, machen Fotos, singen und sind überglücklich. Schweigend und berührt schreiten wir ins Innere der Kirche, jeder mit seinem Rucksack auf dem Rücken. Traditionsgemäß umrunden wir die Jakobusstatue. Dieses Ritual beendet den Jakobsweg. Über Jahrhunderte taten dies Millionen von PilgerInnen ebenso. Danach holen wir uns die Compostella im Pilgerbüro ab. Es ist die Bescheinigung, dass wir den Weg zu Fuß gegangen sind.

Am nächsten Tag besuchen wir die Pilgermesse und danach besichtigen wir die Stadt. Eine pulsierende Universitätsstadt ist Santiago de Compostella, nicht nur voll von  PilgerInnen, nein, viele Menschen, Jung und Alt aus der ganzen Welt sind hier.  Tags darauf fahren wir mit dem Bus nach Finisterre. Das „Ende der Welt“, wo wir auf dem Felsen unter dem Steinkreuz unsere Pilgerreise mit einem Ritual abschließen.

Die PilgerInnen holen ihren, anfangs von mir ausgeteilten Herzensspruch hervor und bedanken sich bei mir. „Es war genau der Richtige Spruch für mich“ wird mir von allen bestätigt. Warum ich das wusste? Ja, das ist mein Geheimnis.

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Ein weiterer Höhepunkt ist das Abschlussessen im besten Fischrestaurant Galiziens. Die Tische biegen sich unter den Platten mit Köstlichkeiten.

Danach springen noch ein paar Mutige in den eiskalten Atlantik, bevor wir zurückfahren.

Der Tag der Heimreise ist angebrochen.

Ein Sprichwort sagt: “Kein Pilger kommt von seiner Reise zurück, ohne ein Vorurteil weniger und einer Erfahrung mehr“.

Flughafen Wien Ankunftshalle.

Wir sind wieder am Ausgangspunkt angelangt. Gemeinsam singen wir noch ein Lied „Bruder Jakob, Bruder Jakob, hörst du mich…..“. Wolfgang und ich verabschieden uns mit einem Reisesegen:

Mögen die Straßen dir freundlich entgegen kommen.

Der Wind in deinem Rücken sein und die Sonne dir warm ins Gesicht scheinen.

Möge der Regen sanft auf deine Felder fallen und bis wir uns wiedersehen, möge Gott schützend

seine Hand über dir halten.

 

Auch 2017 gehen wir wieder auf den Jakobsweg durch Galizien. 8.-19.Juli

 

 Video über die Pilgerbegleiterin Ingeborg Berta Hofbauer. Aufgenommen auf einer Pilgerwallfahrt 2015

Diese Reise wird von Olivareisen organisiert

Infopaket anfordern unter: wolfgang.kubassa@outdoorwolf.at